<p>Eine Herzogin mit Fehlstellen: Röntgenaufnahme des Gemäldes Anna Amalia und Söhne</p>

Eine Herzogin mit Fehlstellen: Röntgenaufnahme des Gemäldes Anna Amalia und Söhne

Verbrannt und unbeschädigt

Die verborgene Malerei der Barbara Rosina de Gasc

19.03.2026 4

Ein spektakuläres Familienbild mit einer bewegten Geschichte tritt ans Licht: Anlässlich des Themenjahres Öffnen und des 270. Ankunftsjubiläums der Herzogin in Weimar ist Anna Amalia und ihre Söhne von Barbara Rosina de Gasc erstmals seit 1774 öffentlich zu sehen. Nach dem Schlossbrand verlor sich seine Spur – über 200 Jahre hing das Werk im Jagdhaus Gabelbach. Vermeintliche Feuerschäden entpuppten sich als spätere Übermalung. Erfahren Sie mehr zur spannenden Herkunftsgeschichte dieses Meisterwerks.

1774 brennt das Weimarer Residenzschloss, und mit Mühe und Not entkommt Herzogin Anna Amalia den Flammen. Die Gemäldegalerie verbrennt, drei Cranachs werden noch in den Schlossgraben geworfen, unzähliges anderes an Mobiliar, Stoffen und Kunstwerken verbrennt oder wird schwer beschädigt geborgen. So und nicht anders musste es dem großformatigen Porträt der Herzogin mit ihren beiden Söhnen ergangen sein, einem prächtigen Beispiel adliger Porträtmalerei: Auf dem stolze 2,70 × 2,30 Meter messenden Gemälde präsentiert sich die Herzogin in einer prachtvollen lachsfarbenen Robe auf einem Sessel sitzend, während sich an ihrer rechten Seite Erbprinz Carl August lässig anlehnt, bereit, das Dokument in ihrer Hand und damit die Regierungsgeschäfte zum Zeitpunkt seiner Volljährigkeit zu ergreifen. Der nachgeborene Friedrich Ferdinand Constantin wendet sich indes einem Tasteninstrument und den darauf liegenden Noten zu. Das repräsentative Gemälde musste ein Opfer von Flammen geworden sein, denn alte Zustandsberichte bestätigen, was ein flüchtiger Blick sofort erfasste: eine stark gedunkelte Malerei mit Runzelungen, Blasen, gerissene und gesprungene Farbe, alles typische Folgen von Hitzeeinwirkung und Rußbildung. Da so ein Format typischerweise für Schlossräume gedacht war, schien der Fall klar.

Was Feuer einmal zerstört hat, ist nie wieder rückgängig zu machen, und Runzelungen, Verbräunungen und Risse würden auch bei einer Restaurierung nicht wieder verschwinden. Obendrein war auch mechanischer Schaden an der Malerei sichtbar, und der wurde in der Vergangenheit immer wieder unsachgemäß und nach heutigen Maßstäben plump bearbeitet – Anna Amalias Nase und ihr rechter Arm erschienen unbeholfen und grob rekonstruiert. Eine Randnotiz zum Gemälde aus den 1960er-Jahren berichtet außerdem von „Vandalismus mit typischen Kosakenschäden“ – ominös und rätselhaft: Was sollen Kosaken, Reiterkrieger im Dienst der Armee des russischen Zarenreichs, typischerweise an Schaden angerichtet haben? Weitere Informationen fehlten oder waren unzusammenhängend. „ Altbestand Jagdhaus Gabelbach“ sagten museale Unterlagen, ohne weitere Erklärung – reichlich wenig Information also für ein prächtiges Format mit wortwörtlichem großem Auftritt.

Um es wieder präsentabel zu machen, sollte die originale Substanz des Gemäldes gesichert, Überarbeitungen entfernt sowie der Geschichte des Gemäldes auf die Spur gegangen werden – zumindest eine vage Verbesserung im Erscheinungsbild war zu erwarten. Den Auftrag erhielten die Dresdner Diplom-Restauratorin Sonja Bretschneider und ihre Kollegin Claudia Hartwich. Es folgte eine Überraschung: Probeweise Abnahmen der Übermalungen zeigten nicht die erwarteten Schadstellen, sondern eine weitgehend intakte Farbschicht. Und das war kein Zufall – je mehr testweise abgenommen wurde, desto mehr Intaktes kam zum Vorschein. Was außerdem nach Brandblasen auf der Oberfläche ausgesehen hatte, entpuppte sich stattdessen als schlecht ausgeführte Kittung. Auch sie deckte eine intakte Malschicht ab. Im Laufe der Bearbeitung zeigte sich, dass diese ursprüngliche Malerei detaillierter, sorgfältiger und graziler wirkte und dass das Bild nahezu vollständig übermalt worden war – ziemlich überraschend also für etwas, was erst ein Brand und dann Kosaken ruiniert haben sollten.

<p>Schicht um Schicht übertüncht: Detail einer Fehlstelle in der Malschicht, die großzügig weiß und erhaben überkittet wurde.</p>

Schicht um Schicht übertüncht: Detail einer Fehlstelle in der Malschicht, die großzügig weiß und erhaben überkittet wurde.

Um jetzt sicherzugehen und tatsächlich nichts zu beschädigen, wurde der Zustand der originalen Malerei ermittelt, um Risiko und Aufwand für eine Abnahme der flächendeckenden Übermalung zu bewerten. Mit Röntgenstrahlen drang der Blick unter die Oberfläche, Proben zeigten unter dem Mikroskop, wie die Farbschichten übereinanderlagen – und das ließ aufatmen: Die Fehlstellen der originalen Malerei waren so kleinteilig, dass sie problemlos ergänzt werden konnten. Zudem fanden sich keine Hinweise auf Vandalismus, auch nicht im Bereich von Gesicht und Arm Anna Amalias. Die Entscheidung fiel, die originale Malerei freizulegen – und sie wurde nicht bereut: Tatsächlich waren alle Schäden auf unprofessionelle Behandlung über die Zeiten hinweg zurückzuführen. Das Gemälde war in der Vergangenheit abgespannt, gefaltet und unsachgemäß gelagert worden. Schließlich wurde es zu einem unbekannten Zeitpunkt fast vollständig übermalt. Warum und in wessen Namen bleibt aber im Dunkeln.

Nur wenige Archiveinträge werfen Licht auf die Geschichte des Werkes, so ein Rechnungseintrag in der privaten Schatulle Herzogin Anna Amalias – sie hatte das Porträt also aus eigener Kasse bezahlt und drei Monate vor dem Schlossbrand, im Februar 1774, abgerechnet. Danach verliert sich die Spur und erst bei der Einrichtung des neuen Jagdrefugiums Herzog Carl Augusts – des Jagdhauses Gabelbach – taucht es im Jahr 1783 zwischen Tischen, Stühlen, Leuchtern und anderen Alltagsgegenständen wieder auf. Anlass war der Besuch von Prinz Karl von Sachsen, Herzog von Kurland, im Herbst 1783 zur Jagd und zum diplomatischen Gespräch. Jahrzehntelang befand es sich dann in einer Forstmeisterwohnung in Ilmenau, bevor es zu einem unbekannten Zeitpunkt wieder im Saal des Jagdhauses aufgehängt wurde und anschließend in Vergessenheit geriet. Erst im Weimarer Kulturstadtjahr 1999 rückte das Gemälde wieder ins Blickfeld; der Bildzustand war besorgniserregend, nur notdürftig wurde die Oberfläche gereinigt und das Gemälde im Schloss gezeigt. Die Geschichte dahinter war verloren – und niemand hätte geahnt, dass ein intaktes Meisterwerk darauf wartet, freigelegt zu werden. „Es war, als hätten wir sie befreit“, sagt Sonja Bretschneider heute. „Schicht für Schicht kam eine Frau zum Vorschein, die nie ganz verschwunden war.“ 2026 wird das Porträt zum ersten Mal seit 250 Jahren wieder in seinem ursprünglichen Zustand zu sehen sein – das Porträt einer selbstbewussten Malerin für eine selbstbewusste Herrscherin. Und was die Kosaken eigentlich mit dem Gemälde gemacht haben – erfahren Sie in der Ausstellung!

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