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Schnellzeichner und Karikaturist Daniel Stieglitz © Studio Goldfink.

5 Fragen an...

Daniel Stieglitz

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7 Minuten
Art: InterviewAutor*in: Bastian Denker
02.07.2026 1

Der Schnellzeichner und Karikaturist Daniel Stieglitz hat für die Ausstellung „Zwischen Ordnung und Verlust – Die Entstehung der Marke Goethe“, die bis zum 13. Dezember 2026 im Goethe und Schiller-Archiv gezeigt wird, zahlreiche Illustrationen entworfen. Die Ausstellung thematisiert, welche Mittel und Methoden Goethe nutzte, um der Mit- und der Nachwelt ein bestimmtes Bild von sich zu vermitteln. Wir haben mit Daniel Stieglitz über sein Goethe-Bild und die Gedanken gesprochen, die ihn beim Zeichnen seiner Ausstellungsillustrationen beschäftigten.

»Mir war vorher gar nicht klar, dass Goethe ein richtiges Marketinggenie war.«
Herr Stieglitz, wann und auf welche Weise kamen Sie zum ersten Mal mit dem Thema „Goethe“ in Berührung?
Ich war vielleicht sieben oder acht Jahre alt. Mein Papa hat uns Kindern – ich habe einen Bruder und eine Schwester – damals mit Poesiekassetten versorgt, die von dem wunderbaren Lutz Görner vorgetragen wurden. Das waren einerseits zwei Ausgaben von Balladen für Kinder, natürlich mit der einen oder anderen Ballade von Goethe, also Klassikern wie "Der Zauberlehrling" oder "Der Erlkönig". Die haben wir damals sehr gern zum Einschlafen im Kinderzimmer gehört.

Die andere Kassette war "Goethe für Kinder: Goethes letzter Geburtstag". Das ist ein wunderschönes Hörspiel, ebenfalls mit Lutz Görner, in dem Goethe mit seinen Enkelkindern einen Ausflug macht und ihnen dabei Anekdoten, Geschichten und Gedichte erzählt.

Insofern hatte ich tatsächlich schon relativ früh eine erste Vorstellung von Goethe – durch seine Gedichte und Balladen, aber auch ein bisschen über sein Leben.
Was hat Sie dazu bewogen, sich im Rahmen der Ausstellung intensiver mit Goethe zu beschäftigen?
Ein sehr interessanter Aspekt, der mir in Bezug auf Goethe tatsächlich vorher nicht klar war, ist mir erst im Gespräch mit der wissenschaftlichen Mitarbeiterin und Ausstellungskuratorin Sabine Schimma bewusst geworden. Goethe war nämlich nicht nur – wie wir alle wissen – ein genialer Autor, Dichter und Poet, sondern auch in vielerlei Hinsicht eine interessante Persönlichkeit.

Im Gegensatz zu seinen Zeitgenossen hat er sehr viele seiner Arbeiten aufbewahrt. Goethe war seiner Zeit damit eine ganze Ecke weit voraus. Deshalb haben wir jetzt diese unglaublich tolle Sammlung von Originalstücken, anhand derer wir teilweise seine Arbeitsweise nachvollziehen können. Um all diese ganzen Hinterlassenschaften geht es auch unter anderem in dieser Ausstellung. Mir war vorher gar nicht klar, dass Goethe ein richtiges Marketinggenie war.
Inwiefern beeinflusst ein Illustrationsauftrag Ihren Stil, und wie war es ganz konkret bei diesem Projekt?
Für einen Illustrator gibt jedes Projekt – sei es ein Kinderbuch, ein Erklärvideo fürs Fernsehen oder ein Graphic Recording für einen Kongress – ein Stück weit vor, in welche Richtung die Illustrationen gehen könnten. Und natürlich hat jeder Zeichner seine Spezialgebiete, die immer wieder im eigenen Werk durchschimmern.

Eines meiner Spezialgebiete ist die Karikatur. Insofern musste ich meine Karikatur-Gehirnhälfte ein kleines bisschen herunterdrosseln, weil es in diesem Fall eben weniger um eine humorvolle Interpretation der Physiognomie Goethes ging, sondern darum, konkrete Sachverhalte zu illustrieren und dabei nicht zu sehr in eine humorvolle Richtung abzudriften. Das war zwischenzeitlich gar nicht so einfach, denn Goethe hat tatsächlich ein sehr markantes Gesicht und bietet aus Sicht eines Karikaturisten jede Menge Material, um noch deutlich stärker zu überzeichnen, als ich es hier letztlich getan habe.
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Für das Goethe- und Schiller-Archiv in Weimar brachte Daniel Stieglitz seine Erfahrung in einen literarisch-historischen Kontext ein. Seine Illustrationen nähern sich Goethe nicht als Denkmal, sondern als arbeitendem Autor, Sammler, Netzwerker und Menschen – mit einem Blick für das Skizzenhafte, Bewegliche und manchmal auch Komische hinter der großen kulturellen Figur.

Goethe war sich seines kulturellen Alleinstellungsmerkmals und der Bedeutung seiner Werke durchaus bewusst. Er setzte jedoch nicht allein auf diese Wirkungen, sondern feilte geschickt an seinem Bild, das er der Mitwelt präsentieren und der Nachwelt hinterlassen wollte. Wie gingen Sie vor, um Goethes diesbezügliche Haltung in Ihren Bildern zu reflektieren?
Auf eine Art und Weise stehen meine Zeichnungen Goethes akribischem, sorgfältigem und perfektionistischem Arbeiten vielleicht sogar diametral gegenüber, das man ihm ja zuschreibt. Die Idee war vielmehr, stilistisch seine geschwungene Handschrift aufzugreifen. Goethe war ja selbst ein guter Zeichner und hat unter anderem Skizzen zu Bühnenbildern des "Faust" angefertigt.

Ich wollte deshalb, dass sich meine Illustrationen möglichst homogen in die Schaukästen mit Goethes handschriftlichen Dokumenten einfügen. Deswegen habe ich versucht, den Zeichnungen eine gewisse Leichtigkeit, einen Schwung und eine skizzenhafte Dynamik zu geben – also keine bis ins Detail ausgearbeiteten Illustrationen, sondern eher Sturm und Drang, möchte ich mal sagen.
Sie haben für die Ausstellung zahlreiche Szenen gezeichnet, in denen Goethe aktiv an seinem Vermächtnis arbeitet. Welche Illustration ist Ihr Lieblingsmotiv und warum?
Für mich ist die interessanteste Aufgabe als Illustrator nicht, einfach nur eins zu eins abzubilden, was im Text steht, sondern dem Bild immer noch etwas Zusätzliches mitzugeben – ein gewisses Extra. Das kann zum Beispiel Humor sein, eine Übertreibung, eine ungewöhnliche Perspektive oder eine atmosphärische Lichtstimmung. Es gibt da ganz viele Werkzeuge im Werkzeugkasten eines Illustrators.

Ich mag besonders das Fantastische oder leicht Surreale. Deswegen ist meine Lieblingszeichnung die, auf der Goethe auf einem Stapel gigantischer Ordner sitzt. Die sind so groß wie Doppelbetten oder noch größer. Diese Ordner enthalten seine Briefe und Korrespondenzen und verdeutlichen, wie unglaublich viel er geschrieben und aufbewahrt hat. Ganz nachdenklich sitzt er dort, liest und sinniert. Diese Zeichnung hat, finde ich, eine ganz schöne Stimmung.

Zur Person

Daniel Stieglitz, geboren 1980 in Cham, lebt und arbeitet als Illustrator, Karikaturist, Autor und Filmemacher in Kassel. Er studierte Animation, Illustration und Film an der Kunsthochschule Kassel und bewegt sich seither zwischen gezeichneter Beobachtung, erzählerischer Verdichtung und filmischem Denken. Als Storyboardzeichner arbeitete er unter anderem für Werbe- und Filmproduktionen, darunter Uli Edels „Der Baader Meinhof Komplex“. Für Fernsehen, Verlage und Kulturprojekte entwickelt Stieglitz Illustrationen, Erklärbilder und visuelle Erzählformen; 2020 entstand für den MDR die Reihe „Poesie für den Augenblick“, in der Klassiker der Lyrik von Goethe bis Ringelnatz in kurze illustrierte Filme übersetzt wurden. International bekannt wurde Stieglitz auch als Schnellzeichner und Karikaturist. Seine Arbeiten wurden mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Golden Nosey Award; bei internationalen Karikaturenwettbewerben gewann er wiederholt Preise für die beste Karikatur des Jahres. Dabei verbindet er präzise Beobachtung mit erzählerischem Witz in gigantischen Wimmelbildern.

Zur Ausstellung

Anlässlich des 25. Jahrestags der Aufnahme von Goethes handschriftlichem Nachlass in das UNESCO-Weltdokumentenerbe zeigt die Ausstellung, wie Goethe sein literarisches Erbe bewusst gestaltete und für die Nachwelt sicherte. Anhand ausgewählter Handschriften, Briefe und Tagebücher wird sichtbar, mit welchen Strategien er sein öffentliches Bild prägte und seinen Nachlass lenkte. Die Ausstellung Zwischen Ordnung und Verlust – Die Entstehung der Marke Goethe bietet spannende Einblicke in Goethes Selbstinszenierung und die Entstehung seiner bis heute wirkungsmächtigen Persönlichkeit.

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