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5 Fragen an...

Harald Lesch

Im Gespräch mit dem Wissenschaftsjournalist Harald Lesch
6:50 Min | Interview: Miriam Wüst
Art: InterviewAutor*in: Miriam Wüst
29.05.2026 0

Harald Lesch ist der breiten Öffentlichkeit vor allem als Wissenschaftsjournalist und Moderator der Sendung "Terra X" bekannt. Der Physiker hegt aber auch eine große Leidenschaft für Bibliotheken und beschäftigt sich seit geraumer Zeit mit der Restaurierung der Bücher nach dem Brand in der Herzogin Anna Amalia Bibliothek. Anlässlich dem Forschungskolloquium "Retten im Verbund" haben wir mit ihm über die Bedeutung von Bibliotheken, Digitalisierung und was er bei der Veranstaltung gelernt hat gesprochen.

»Dass die Herzogin Anna Amalia Bibliothek so stark beschädigt und dann wieder restauriert worden ist, das ist natürlich eine tolle Geschichte und tolle Geschichten interessieren mich immer.«
Herr Lesch, willkommen. Sie sind der Öffentlichkeit vor allem durch ihre naturwissenschaftliche Expertise bekannt. Was verbindet Sie denn genau mit der Bibliothek?
Ich unterrichte die Hälfte meines Lehrdepotats in Philosophie. Das heißt, ich mache nur die eine Hälfte Naturwissenschaften und in der Philosophie geht es natürlich um Wissen, was kann ich überhaupt wissen und wie haben wir Menschen dieses Wissen dokumentiert. In Büchern, in Schrift, in Papyrusräumen, heute mehr denn je natürlich auch im Digitalen. Die Bibliothek ist für mich der Ort, wo ich alles das finden kann, was ich brauche, um meine Forschung erstmal so grundlegend zu planieren. Und es ist ein Ort, wo ich aus der Zeit falle. Denn wenn ich es richtig mache, habe ich in der Bibliothek kein Smartphone dabei und bin auch sonst nirgendwo zu erreichen. Sondern kann mich in aller Ruhe auf das konzentrieren, was ich gerade machen will.
Sie sind hier im Rahmen eines Kolloquiums zum Netzwerk aus Bibliotheken, Materialforschung und Wissenschaft, welche sich nach dem Brand 2004 formiert hat, um Kulturgut zu schützen. Was fasziniert Sie denn an dem Thema Aschebücher besonders?
Naja, also erstmal ist es natürlich die Katastrophe, die Gott sei Dank eben nicht so gewesen ist, dass alles weg ist und dass man dann im Nachgang praktisch direkt auf diese Katastrophe einen Weg gefunden hat, diese Bücher zu restaurieren, und zwar auf ganz enorm tolle Art und Weise, und das fasziniert mich. Mal abgesehen davon, dass die Anna Amalia Bibliothek in ihrem Ursprung ja auch eine Bibliothek war für alle, dass also die ganze Stadt Bücher leihen konnte, und das ist einfach ein wichtiger Platz des Zusammenseins ist. Dass das so stark beschädigt worden ist durch den Brand und dann wieder restauriert worden ist, das ist natürlich eine tolle Geschichte und tolle Geschichten interessieren mich immer.
In dem Kolloquium liegt der Fokus ja vor allem auf den Aschebüchern und der Restaurierung dieser. In Ihrer Rolle als Naturwissenschaftler beschäftigen Sie sich auch viel mit der Erhaltung von Lebensräumen und ökologischen Orten und das Thema Nachhaltigkeit von Bibliotheken war jetzt auch ein großes Thema bezüglich des Erweiterungsbaus der Nationalbibliothek in Leipzig. Kann denn dieses Merkmal Nachhaltigkeit und Erhaltung somit auch als Schnittstelle zwischen Kultur und Wissenschaft verstanden werden?
Also ich komme gerade aus einem großen Projekt, das ich gemacht habe fürs ZDF und ARTE, nämlich Wege des Wissens. Ich bin einmal rund ums Mittelmeer gereist, und ich bin von einer Bibliothek zur nächsten gereist und hab dort mit Leuten gesprochen, die genau die Arbeit machen, die die Kolleginnen und Kollegen hier machen. Es ist einfach toll. Ich hab mir da eben vorgestellt, wenn die das alles digitalisiert hätten, dann hätte ich das nicht machen können, da wäre nämlich nichts zu holen und so gab es eben was Händisches. Man darf eben nie vergessen, dass unsere Hände in unserem Kopf so großen Bereich einnehmen, dass wir über das Wort Begreifen reden hat damit zu tun, dass wir durch die Hand wirklich und durch das Direkte, die direkte Erfahrung natürlich ganz anders wissen können als wir das digital können. Insofern wäre es eigentlich die Aufgabe einer jeden Gemeinde, eine eigene Bibliothek zu haben, wo das, was sie für wichtig halten, zusammengefasst ist. Aber wo eben auch ein Raum da ist, wo man sich immer wieder zusammensetzen kann und sich zu überlegen, was ist denn noch wichtig. Was können wir wegtun und was ist noch wichtig? Also diese allmähliche Metamorphose, die ja über die Generationen der Bücher auch stattfindet, dass das gewisse Wissen nicht mehr wichtig ist. Auf der anderen Seite kennen wir da aus der Systemtheorie das komplexe System. Die sind so empfindlich, da kann es sein, dass etwas, was bis jetzt noch als völlig unnötig erachtet worden ist auf einmal eine unglaubliche Bedeutung gewinnt, und darauf müssen wir uns einstellen. In Zeiten, wo so vieles passiert, könnte es sein, dass gerade das, was wir bis jetzt eigentlich eher für unwichtig erachten, ganz wichtig und ganz großartig und im Zentrum stehen kann. Da können Bibliotheken echte Orte sein, die Mutmacher sind, wo Optionen gesucht werden und auch gefunden werden können.
Kulturvermittlung wird mittlerweile auch immer mehr Relevanz eingeräumt. Als Wissenschaftsjournalist kennen Sie sich damit ja bestens aus, wie man Dinge gut vermittelt. Die Herzogin Anna Amalia Bibliothek plant dafür auch eine Ausstellung unter dem Titel „Öffentlich machen! Das ABC die Herzogin Anna Amalia Bibliothek“. Anhand alphabetischer Begriffe sollen Besucher*innen darin die Bibliothek als öffentlichen Ort des Wissensaustauschs entdecken und Einblick in ihre Arbeit, Sammlungen und neugestalteten Räume gewinnen. Inwiefern können denn solche Angebote helfen, der breiten Öffentlichkeit die Arbeit in Bibliotheken zugänglicher zu machen?
Also das war ja eben auch der Konsens, wir müssen viel mehr an die Öffentlichkeit gehen. Wir müssen mehr an die Leute und müssen Ihnen sagen, hört mal. Wir sind hier. Wir sind kein Friedhof von Kultur, sondern im Gegenteil, bei uns ist das ein Garten, wo unglaublich viel Neues entstehen kann, wenn ihr uns nicht austrocknet, also vor allen Dingen auch finanziell. Ihr müsst uns die Möglichkeiten geben, unsere Pflichten und unsere Möglichkeiten und Aufgaben zu erfüllen und dazu ist es notwendig, auf die Straße zu gehen. Das haben wir an den Universitäten ja auch. Citizens Science, also mit den Bürgerinnen und Bürgern Erforschung zu machen, könnte so ein Weg sein, wo man Leute einfach aufmerksam macht. Wenn dann jemand kommt und fragt, ja, wo ist denn hier die Bibliothek, dann werden alle Bürgerinnen und Bürger in der Stadt sagen: „Ach, Sie meinen unsere Bibliothek? Ja, das kann ich Ihnen gerne zeigen. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie froh und stolz ich bin auf diese Bibliothek, weil da steht alles drin, was ich wissen will“. Ich glaube, wir haben inzwischen alle vergessen, dass vor lauter Planet Internet, dass es Bibliotheken gibt, in denen noch ganz andere Schätze zu finden sind als diejenigen, die man da vermeintlich im Digitalen finden kann. Deswegen sind es wichtige Orte, und diese Orte müssen vielleicht ihre Fenster aufmachen, um zu zeigen, wir sind hier und müssen vielleicht auch lauter rufen, dass sie hier sind.
Sie haben als Abschluss der Tagung die Ergebnisse präsentiert. Hat Sie denn an diesen etwas besonders überrascht?
Ja, unbedingt. Ich wusste überhaupt nicht, dass Legefeld wirklich der absolute Anfang einer Entwicklung ist. Das war mir überhaupt nicht klar. Ich habe immer gedacht, da gibt es schon vorher irgendwelche Möglichkeiten, aber dass die wirklich ganz vorne angefangen haben und damit also praktisch einzigartig auf dem Planeten sind, das habe ich nicht gewusst und fand ich ganz groß. Überhaupt wie die ganze Truppe hier zusammenarbeitet. Der Konsens hat mich eigentlich am meisten beeindruckt, weil das ist unter Intellektuellen nicht immer ganz so.

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