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Doktormutter Faust

Die Gretchenfrage heute

Art: Artikel Autor*in: Marlene Kaatz
08.07.2026 5

In Fatma Aydemirs „Doktormutter Faust“ lösen sich Goethes klassische Figuren auf und verschmelzen ineinander. Das Stück versetzt die Gretchenfrage in die heutige Zeit und fragt nach den Mechanismen von Machtmissbrauch, Schuld und Scham und dem Einfluss des rechten Populismus.

„Warum hast du dich nicht geweigert?“1, fragt Margarete Faust am Ende von Aydemirs Theatertext „Doktormutter Faust“. Die Überschreibung von Goethes „Faust“ thematisiert Grauzonen und die Unschärfe von Grenzüberschreitungen, es hinterfragt die Eindeutigkeit von Opfer- und Täter*innenrollen und ob es in einer Überschreibung die Figur des Gretchen noch braucht. Aydemir verknüpft die Gretchentragödie mit aktuellen gesellschaftlichen Debatten. Die Gretchenfrage heute ist eine andere als zu Goethes Zeiten und Aydemir zeigt dies eindringlich anhand der Fusion der zentralen Figuren Faust, Gretchen und Mephisto. Sie verschiebt Perspektiven, verdichtet Figuren und Konflikte und öffnet den Blick auf aktuelle, dringliche Themen wie Machtmissbrauch, strukturelle Ungleichheit und die Mechanismen von Schuld und Scham.

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Fatma Aydemir © Bradley Secke

Fatma Aydemir, geboren 1986, ist Journalistin, Autorin und Mitbegründerin des Delfi-Magazins für neue Literatur. Bekannt wurde sie mit ihrem Debütroman Ellbogen (2017), der später verfilmt wurde und ihrem vielfach ausgezeichneten Roman Dschinns (2022), der auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises stand. Außerdem ist sie Mitherausgeberin des Essaybands Eure Heimat ist unser Albtraum (2019). Neben ihrer literarischen Arbeit schrieb Aydemir für die taz und aktuell für The Guardian. In ihren Texten setzt sie sich mit Fragen von Identität, Herkunft, Rassismus, sozialer Ungleichheit und feministischen Perspektiven sowie mit den Gefahren des rechten Populismus auseinander.

Faust neu auf der Bühne

Das Theaterstück Doktormutter Faust ist Aydemirs erster Theatertext und auch ihre erste Überschreibung eines klassischen Werks. Das Stück wurde von dem Schauspiel Essen in Auftrag gegeben und dort in einer Inszenierung von Selen Kara 2023 uraufgeführt. 2024 erschien der Text im Suhrkampverlag. Das Stück ist eine feministische Neuinterpretation von Faust I und verknüpft den Stoff mit aktuellen Auseinandersetzungen über sexualisierte Gewalt und Machtmissbrauch im akademischen Bereich. Die Neuinterpretation folgt der Struktur des Goethes Klassikers mit Szenen wie dem Studierzimmer, Auersbach Keller oder der Walpurgisnacht und greift auch immer wieder Originalzitate auf. In einem dringlichen wie auch humorvollen Tonfall verschränkt Aydemir die klassischen Figuren und Elemente und formuliert die Gretchenfrage neu.

„Gretchen ist kein Mensch, den ich retten muss, Gretchen ist eine Figur, die ich abschaffen muss, damit wir alle frei sind“2, sagt die Dichterin zu Beginn des Stücks zu der Theaterdirektorin. Der Satz bildet den Ausgangspunkt für Aydemirs Überschreibung der klassischen Figuren und dem Aufbrechen der Figurenordnung. Die Fusion der Figuren vollzieht sich einerseits in dem Namen Margarete Faust, aber auch in den geschlechtlichen Zuschreibungen. Faust ist eine Frau, Karim ein Mann und Mephisto trägt wechselnde Pronomen. Doktormutter Faust entwirft so ein Szenario der Grauzonen, geprägt von Machtstrukturen, Geschlecht und dem Einfluss einer rechten Staatsgewalt. Faust ist eine renommierte Professorin für Gender Studies, die unter dem zunehmenden Druck einer rechten Regierung steht. Nachdem sie einer Studentin im Ausland zu einer Abtreibung verholfen hatte, gerät sie in Gefahr, ihre Anstellung zu verlieren. In dieser prekären Situation erscheint Mephisto und bringt den Studenten Karim zu ihr, der bei ihr promovieren möchte, unter anderem, um seinen Aufenthaltstitel zu sichern. Faust missbraucht ihre Machtposition und überschreitet Grenzen, die von Karim nicht klar definiert, aber gleichzeitig durch ihre Stellung als Professorin gegeben sind. Am Ende sitzt Faust im Kerker und fragt Karim: „Wer sitzt jetzt im Gefängnis? Du oder ich?“3 Beide verhandeln ihre Machtpositionen und das Formulieren von Grenzen. Schließlich zieht Karim seinen Strafantrag zurück mit den Worten: „Wenn Sie verurteilt werden, dann nicht für das, was Sie mir angetan haben, sondern weil Sie der Regierung ein Dorn im Auge sind. Ich will nicht zum Komplizen dessen werden.“4

<p>Aufführung Doktormutter Faust im Schauspiel Essen © Deutsches Theater</p>

Aufführung Doktormutter Faust im Schauspiel Essen © Deutsches Theater

Entstehungskontext und politische Bezugspunkte

In einem Podcast des Suhrkamp Verlags spricht Fatma Aydemir über die Entstehung von Doktormutter Faust und nennt den Fall Avital Ronell als einen zentralen Bezugspunkt. Die Literaturwissenschaftlerin und feministische Aktivistin wurde 2018 von ihrem Doktoranden Oskar Barnack der sexuellen Belästigung und des Machtmissbrauchs beschuldigt. Der Fall verdeutlichte, dass Machtmissbrauch nicht nur von Männern ausgeht und zeigte, wie gefährlich Personenkult innerhalb emanzipatorischer Bewegungen sein kann. Zugleich wurde der Fall von rechten Akteur*innen aufgegriffen, um die #MeToo-Bewegung sowie queere und feministische Diskurse zu delegitimieren. Neben diesem Fall orientiere sich Aydemir auch allgemein an politischen Entwicklungen und autoritären Tendenzen rechter Regierungen in Bezug auf die Kriminalisierung von Abtreibungen, die Zensur queer-feministischer Inhalte und die Einschränkung akademischer Freiheiten.

„Grenzen sind ein Konstrukt, sie bewegen sich, sie lösen sich auf. Sie machen dicht.“5 In diesem Spannungsfeld verortet Fatma Aydemir ihre Neuschreibung des Faust-Stoffs und versetzt die Gretchenfrage in die Gegenwart. „Nun sag’, wie hast du’s mit der Religion?“6, fragt Goethes Gretchen Faust, eine Frage nach innerer Überzeugung, moralischer Haltung und persönlicher Verantwortung. In Fatma Aydemirs Doktormutter Faust erhält die Gretchenfrage ein neues, aktuelles Gewicht. Sie richtet sich nicht mehr auf Religion, sondern auf politisch-feministische Selbstverortung und das Verhältnis zum privaten Handeln. Was bedeutet es, wenn ausgerechnet eine feministische Theoretikerin ihre Macht missbraucht? Wie lässt sich Gewalt verhandeln, wenn sie nicht männlich, sondern weiblich ist? Und wie gehen wir damit um, wenn Opfer- und Täter*innenrollen nicht eindeutig voneinander zu trennen sind? Aydemir entzieht sich einfachen Antworten. Stattdessen zeigt sie, wie Schuld und Scham ineinandergreifen und als Machtinstrumente fungieren und instrumentalisiert werden können. Sie zeigt mit sprachlicher Deutlichkeit, aber auch mit Humor, wie produktiv klassische Stoffe für gegenwärtige Debatten sind und wie gerade Goethes Faust sich als Resonanzraum für Fragen nach Machtmissbrauch, Grenzüberschreitung und Verantwortung erweist.

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Theatertext Doktormutter Faust © Suhrkamp Verlag

Quellen & Nachweise:

[1] Aydemir, Fatma: Doktormutter Faust. Berlin: Suhrkamp 2024. S.150. 2 Ebd. S.15. 3 Ebd. S.152. 4 Ebd. S.154. 5 Ebd. S.18. 6 Goethe, Johann Wolfgang von: Faust. Texte. Hg. von Albrecht Schöne. Berlin: Deutscher Klassiker Verlag 2017. S.148.

[2] Ebd. S.15.

[3] Ebd. S.152.

[4] Ebd. S.154.

[5] Ebd. S.18.

[6] Goethe, Johann Wolfgang von: Faust. Texte. Hg. von Albrecht Schöne. Berlin: Deutscher Klassiker Verlag 2017. S.148.

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