Peter von Cornelius. Kerker © Klassik Stiftung Weimar, Museen.
Mit dem Machandelboom im Kerker
Grimms Märchen als Rettung
Zwischen Wahnsinn, Schuld und Todesangst erklingt in Gretchens Kerkerzelle die Stimme eines Märchens. Doch das Lied vom Machandelbaum erzählt nicht nur von Gewalt und Verlust – es eröffnet auch einen überraschenden Horizont der Hoffnung. Könnte gerade dieses Märchen den Schlüssel zu Gretchens Rettung enthalten?
Im Kerker von "Faust I" taucht überraschend ein Märchen auf. Dient dieses zur Erlösung Gretchens?
gessen hat! Mein Schwesterlein klein hub auf die Bein, an einem kühlen Ort; da ward
ich ein schönes Waldvögelein; fliege fort, fliege fort!“
So tönt es aus Gretchens Kerkerzelle1 im dramatischen Höhepunkt von Goethes "Faust I". Das Lied wirkt in diesem Kontext zuerst recht befremdlich, schließlich erschafft ihr Gesang eine Bildfolge, die zugleich von Kindlichkeit und makaberer Brutalität geprägt ist.2
Phillip Otto Runge. Selbstportrait © Klassik Stiftung Weimar, Museen.
Bei genauerem Hinsehen erinnert Gretchens Gesang verdächtig an das Märchen vom Machandelbaum. Motive wie der Tod eines Kindes durch das Verschulden einer bösen Stiefmutter, ein Vater, der im Unwissen das Fleisch seines eigenen Sohnes isst, ein Schwesterlein im Zentrum der Handlung, das die Knochen des Brüderchens beerdigt, und schließlich die Verwandlung in ein Vogelwesen verweisen deutlich auf die Märchenerzählung. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage nach der Funktion des Motivs. Dieser Beitrag entwickelt hierbei die These, dass die Anlehnung an den Machandelbaum eine symbolische Vorausdeutung auf die Errettung Gretchens darstellt und damit einen hoffnungsvollen Ausblick auf ihr Schicksal eröffnet.
Goethe und das Märchen
Goethes Zugang zu Märchen beginnt schon in seiner Kindheit. Seine Mutter, die selbst eine große Liebhaberin des Märchens ist, führt ihn früh an diese Stoffe heran. Dabei ermutigt sie den jungen Goethe auch stets dazu, eigene Gedanken in die Erzählungen einfließen zu lassen. Die „Lust zu fabulieren“3 sowie die allgemeine Begeisterung für dieses Genre hat der Dichter also wohl seiner Mutter zu verdanken. Gerade das mündlich überlieferte Volksmärchen stellt für ihn eine ideale Gattung zur symbolischen Verarbeitung alltäglichen Lebens dar.4 Somit erscheint die Verwendung eines Märchenstoffes für das spätere Drama schon etwas einleuchtender.
Wie Goethe jedoch konkret zum "Machandelbaum" kommt, ist weniger eindeutig. Das Märchen wird 1806 von Phillip Otto Runge aufgezeichnet und über mehrere Stationen verbreitet, bis es 1812 in den Kinder und Hausmärchen der Gebrüder Grimm erscheint, und dort seine größte Bekanntheit erlangt. Sehr wahrscheinlich kannte Goethe den Stoff aber schon vor dem Druck aus mündlicher Überlieferung.
Das schrecklich Schöne
In einem Brief schreibt Charlotte von Schiller an Goethe: „[D]as Volkslied von dem Vögelchen ist so fürchterlich schön an dieser Stelle.“5 Ihre offenbar widersprüchlich wirkende Charakterisierung erscheint zunächst irritierend, bei näherer Betrachtung wird jedoch deutlich, dass sie damit sehr treffende Worte für die dargestellte Situation findet. Das Märchen vom Machandelbaum ist in seiner Handlung zutiefst grausam. Der Mord an einem unschuldigen Kind sowie die Zerstückelung und der Verzehr des Körpers zeigen Bilder, die von großer Brutalität geprägt sind. Zwar ist es nicht unüblich, dass Märchen groteske Elemente enthalten: Die Hexe muss bei lebendigem Leibe im Ofen verbrennen, der Wolf bekommt den Bauch mit Wackersteinen gefüllt und Aschenputtels Stiefschwestern hacken sich Ferse und Zehen ab. Dennoch thematisiert der Machandelbaum den Tod des Unschuldigen wie kein anderes. Gleichzeitig lässt das Märchen Raum für Hoffnung, denn wie fast in allen Märchen erhalten auch hier die Gerechten ihr Happy End, während die Übeltäter bestraft werden. Das Lied des Vogels:
Marlenichen, sucht alle meine Benichen, bind’t sie in ein seidenes Tuch, legt’s unter
den Machandelbaum. Kywitt, kywitt, wat vör’n schöön Vagel bün ik!“
bildet dabei den Kern, um das Geschehene6 aufzugreifen und eine positive Wende herbeizuführen. Durch die Verwandlung in ein Vogelwesen erhält der Unschuldige eine neue Ausdrucksform.
Diese Struktur lässt sich auch in der Kerkerszene erkennen. Der Kerker wirkt hierbei als die Endstation vor dem „[b]itter[en] Tod“7 des Gretchens. Wie an vielen anderen Stellen des Dramas artikuliert Gretchen auch hier ihre Emotionen über das Singen von Liedern, was eine deutliche Parallele zum Brüderchen aus dem Machandelbaum aufwirft. Neben dieser Parallele lässt sich auch eine weitere Gemeinsamkeit erkennen: Die Schicksale beider beruhen auf Fremdverschulden. Gretchens Kerkergesang erlaubt es ihr vielmehr, das Leid ihrer Situation auszusprechen ohne sie auf bloße Verzweiflung oder Wahnsinn zu reduzieren. Dabei wird ein Horizont eröffnet, in dem Erlösung möglich ist.
„Man muss dran glauben!“– religiöse Symbole im Machandelbaum
Einen weiteren Hinweis auf Gretchens Errettung geben religiöse Symbole, die im Machandelbaum auftreten. Der Wacholderbaum, mit seinen immergrünen Nadeln, ist ein Symbol des ewigen Lebens im christlichen Glauben und wird mit der Geburt und dem Sterben Jesu in Verbindung gebracht.8 Auch der Name des Schwesterleins „Marlenchen“, gibt Aufschluss auf eine mögliche Verbindung zur biblischen Figur der Maria Magdalena. Verstärkt wird dies noch durch das Tränenmotiv.9 Wie auch Maria Magdalena, die am Grab von Jesus weint, weint Marlenchen um ihren Bruder „blutige Tränen.“10 Maria Magdalena wird in der Bibel oft als Sünderin bezeichnet, erst durch ihre Verbindung zu Jesus erhält sie letztendlich Zugehörigkeit und Erlösung. Auch Gretchen hat gesündigt. In den Augen der Gesellschaft ist sie lediglich eine Kindsmörderin. Die Reflexion ihrer Schuld zeigt sich auch durch die Wahl der derben Sprache in Gretchens Kerkerlied, was sich deutlich vom Original unterscheidet. Dennoch ist Gretchen eine hochreligiöse Person, sodass der christliche Kontext noch einleuchtender erscheint.
Johann Heinrich Ramberg. Kerker © Klassik Stiftung Weimar, Museen.
„Ist gerettet!“– das Auferstehungsmotiv
Das Rettungs- und Erlösungsmotiv stellt im Kerker eine zentrale Rolle dar. Das Verb „retten“ erscheint in dieser Szene gleich sechsmal.11 Dazu kündigt die Stimme von oben durch den Ausruf: „ist gerettet!“12 Gretchens göttliche Erlösung an. Der Tod wird hierbei nicht als endgültig dargestellt, sondern lediglich als Übergang. Anders als im Machandelbaum, in dem eine tatsächliche, physische Auferstehung des Brüderchens erfolgt, ist Gretchens Erlösung spirituell und zeigt die Auferstehung ihrer Seele. Dies zeigt sich auch in bildenden Rezeptionen des Fauststoffes. Künstler wie Cornelius oder Ramberg illustrieren Gretchen nicht als gebrochene Figur, sondern vielmehr als geistig entrückt, den Blick zum Himmel gerichtet und die Hände zu den Heiligen flehend. Der Kerker als Ort des Todes wird zum Ort der Hoffnung, was deutlich macht, dass Gretchens Schicksal nicht dort endet.
Abschließend lässt sich festhalten, der Märchenstoff des Machandelbaums weist auf die Auferstehung beziehungsweise Errettung Gretchens hin. Diese Deutung wird durch mehrere Argumentationslinien gestützt: Die im Märchen angelegte religiöse Symbolik eröffnet einen heilsgeschichtlichen Deutungshorizont, das zentrale Auferstehungsmotiv bildet eine deutliche inhaltliche Parallele, und das Moment des „schrecklich Schönen“ prägt sowohl das Märchen als auch die Kerker-Szene in "Faust I". Zwar unterscheidet sich Gretchens Kerkerlied in seiner konkreten Ausgestaltung vom Lied des Machandelbaums im Märchen, doch bleibt der Stoff erkennbar. Das Kerkerlied wirkt als verbindende Brücke zwischen dem Märchen und der Tragödie.
Dieser Magazin-Beitrag ist im Rahmen einer Kooperation mit der Friedrich-Schiller-Universität Jena entstanden, die im Zeichen des Themenjahres „Faust“ der Klassik Stiftung Weimar stand. Im Wintersemester 2025/26 haben Dr. Jutta Eckle (Goethe- und Schiller-Archiv) und Dr. Claudia Streim (Herzogin Anna Amalia Bibliothek) das Seminar „Edition und Recherche“ für Studierende der Masterstudiengänge „Literarisches Übersetzen“ und „Literatur – Kunst – Kultur“ angeboten. Die Studierenden erhielten Einblick in die verschiedenen Arbeitsbereiche von Bibliothek und Archiv und hatten Gelegenheit, sich intensiver mit den Faust-Sammlungen zu beschäftigen. Entstanden sind mehrere Blog-Beiträge, in denen einzelne Objekte der Sammlung ausführlicher vorgestellt werden und die Vielfalt der Faust-Rezeption sichtbar wird.
→ https://www.klassik-stiftung.de/goethe-und-schiller-archiv/das-archiv/tagungen/edition-und-recherche-einfuehrung-in-die-arbeitsbereiche-der-herzogin-anna-amalia-bibliothek-und-des-goethe-und-schiller-archivs/
Quellen & Nachweise
1 Der ursprüngliche Titel des Märchens Von dem Machandelboom liegt in plattdeutscher Fassung vor, im Beitrag wird hingegen die hochdeutsche Bezeichnung Machandelbaum verwendet.
2 Goethe, Johann Wolfgang von: Faust. Der Tragödie erster Teil. Studienausgabe. Hg. von Albrecht Schöne, Berlin: Deutscher Klassiker Verlag 2017. S. 192. V.4412-4420.
3 Wienker-Piepho, Sabine: Goethes Märchen. in: Märchenspiegel. 26(2015). S. 25-37. hier S. 26.
4 Vgl. Wienker-Piepho, Sabine: Goethes Märchen. S. 27.
5 Renftle, Rudolf: Schlüssel zu Faustgedicht und Zaubermärchen. Branneburg: Schulze 1985. S.99.
6 Grimm, Jacob u. Wilhelm: von dem Machandelboom. in: grimmstories, URL: https://www.grimmstories.com/de/grimm_maerchen/von_dem_machandelbaum (zuletzt besucht am 14.01.2026)
7 Goethe, Johann Wolfgang von: Faust. Der Tragödie erster Teil. S. 192. V. 4423.
8 Vgl. Arfaoui, Amina: Einige Bemerkungen zu Gretchens Lied aus dem Märchen vom Machandelbaum und zur Kerkerszene. In: Goethes Faust I. zwischen Tradition und Modernität. Hg. von Philippe Wellnitz. Strasbourg: Press Univ. 2010. S. 147-158. hier S. 151.
9 Vgl. Arfaoui, Amina: Einige Bemerkungen zu Gretchens Lied aus dem Märchen vom Machandelbaum und zur Kerkerszene. S. 152.
10 Grimm, Jacob u. Wilhelm: von dem Machandelboom. in: grimmstories.
11 Vgl. Arfaoui, Amina: Einige Bemerkungen zu Gretchens Lied aus dem Märchen vom Machandelbaum und zur Kerkerszene. S. 157.
12 Goethe, Johann Wolfgang von: Faust. Der Tragödie erster Teil. S. 199. V. 4611.
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