Herr Lesch, Sie sind der Öffentlichkeit vor allem durch Ihre naturwissenschaftliche Expertise bekannt. Was verbindet Sie mit der Bibliothek?
Ich unterrichte die Hälfte meines Lehrdeputats in Philosophie, die andere Hälfte in Naturwissenschaften. In der Philosophie geht es um Wissen: Was kann ich überhaupt wissen und wie haben wir Menschen dieses Wissen dokumentiert - in Büchern, in Schrift, in Papyrusrollen und heute mehr denn je: im Digitalen. Die Bibliothek ist für mich der Ort, wo ich finden kann, was ich brauche, um meine Forschung grundlegend zu planieren. Sie ist zudem ein Ort, an dem ich aus der Zeit falle. Denn wenn ich es richtig mache, habe ich in der Bibliothek kein Smartphone dabei und bin auch sonst nirgendwo zu erreichen. Stattdessen kann ich mich in aller Ruhe auf das konzentrieren, was ich gerade machen will.
Das Netzwerk hat sich nach dem verheerenden Brand der Herzogin Anna Amalia Bibliothek im Jahr 2004 formiert, um Kulturgut zu schützen. Was fasziniert Sie an dem Thema der sogenannten Aschebücher?
Es fasziniert mich, dass man im Nachgang dieser Katastrophe einen Weg gefunden hat, die Bücher auf enorm tolle Art und Weise zu restaurieren. Die Herzogin Anna Amalia Bibliothek war in ihrem Ursprung eine Bibliothek für alle. Die ganze Stadt konnte Bücher ausleihen und sie war dadurch ein wichtiger Platz des Zusammenseins. Dass die Bibliothek durch den Brand so stark beschädigt wurde und dann wieder restauriert worden ist, ist natürlich eine tolle Geschichte und tolle Geschichten interessieren mich immer.
Der Fokus des Kolloquiums liegt auf den Aschebüchern und ihrer Restaurierung. Als Naturwissenschaftler beschäftigen Sie sich viel mit der Erhaltung von Lebensräumen. Können Nachhaltigkeit und Erhaltung als Schnittstellen zwischen Kultur und Wissenschaft verstanden werden?
Für die Fernsehsendung „Wege des Wissens“ bin ich vor kurzem einmal rund um das Mittelmeer von einer Bibliothek zur nächsten gereist. Dabei habe ich mit Leuten gesprochen, die genau die gleiche Arbeit machen wie die Kolleginnen und Kollegen in Weimar. Wenn alle diese Inhalte digitalisiert worden wären, hätte ich das nicht machen können. So gab es etwas Händisches. Das Wort Begreifen hat damit zu tun, dass wir durch die Hand und die direkte Erfahrung Wissen ganz anders verstehen, als wir es digital können.
Es wäre eigentlich die Aufgabe einer jeden Gemeinde, eine eigene Bibliothek zu haben, wo das, was sie für wichtig hält, zusammengefasst ist. Wo aber eben auch ein Raum für Zusammenkunft ist, um gemeinsam zu überlegen, was noch wichtig ist.
Dem Thema Kulturvermittlung wird mittlerweile immer mehr Relevanz eingeräumt. Als Wissenschaftsjournalist kennen Sie sich mit der Vermittlung von komplexen Inhalten aus. Wie können wir die Arbeit von Bibliotheken aus Ihrer Sicht für eine breite Öffentlichkeit zugänglicher machen?
Während der Tagung gab es einen Konsens darüber, dass wir viel mehr an die Öffentlichkeit gehen müssen. Das haben wir an den Universitäten beispielsweise mit den Citizen Science, bei denen mit Bürgerinnen und Bürgern Forschung gemacht wird. Das könnte ein Weg sein, wodurch die Menschen aufmerksam gemacht werden. Ich glaube, wir haben inzwischen vor lauter Internet alle vergessen, dass es Bibliotheken gibt, in denen noch ganz andere Schätze zu finden sind als diejenigen, die vermeintlich im Digitalen warten. Deswegen sind Bibliotheken wichtige Orte, und diese Orte müssen ihre Fenster aufmachen, und müssen vielleicht auch lauter rufen, dass sie hier sind.
Gab es während der Tagung etwas, das Sie persönlich besonders überrascht hat?
Ich wusste nicht, dass Legefeld wirklich der absolute Anfang ist. Ich habe immer gedacht, dass es schon vorher Möglichkeiten gab, aber dass hier wirklich ganz vorne angefangen wurde, das habe ich nicht gewusst. Überhaupt, wie die ganze Truppe hier zusammenarbeitet, der Konsens hat mich eigentlich am meisten beeindruckt, denn das ist unter Intellektuellen nicht immer so.