Pasternaks Faust-Übersetzung
Dokument einer Epoche
Zwischen Zensur, Stalinismus und dichterischem Widerstand verwandelt Boris Pasternak Goethes Faust II in ein verborgenes Zeitdokument der Sowjetunion. Seine Übersetzung des fünften Aktes wird zur chiffrierten Anklage gegen Machtmissbrauch und Tyrannei – eine faszinierende Spurensuche nach den politischen Untertönen eines scheinbar klassischen Textes.
„Theater im Theater“ nannte der Dramaturg Jurij Jurčenko Boris Pasternaks Übersetzung des fünften Aktes aus Goethes Faust II, die der russische Nobelpreisträger zwischen den 1940er und 1950er Jahren verfasst hatte. Einer politisch düsteren Zeit für Literatur und Literaturschaffende in der Sowjetunion, die ganz im Zeichen von strenger Zensur, ideologischer Erwartung und existenzieller Gefährdung stand. Schon die kleinste Abweichung von den vorgegebenen Richtlinien konnte dem Verfasser bzw. der Verfasserin zum Verhängnis werden. So musste Pasternak mitansehen, wie namhafte Autor:innen, darunter auch enge Bekannte und Freund:innen verhaftet wurden und im Gulag verschwanden. Auch er selbst geriet mehrmals ins Fadenkreuz der Zensurbehörde. Was ihn letztlich dazu zwang, die Arbeit an eigenen Werken einzustellen und sich ausschließlich Übersetzungen zu widmen, die für ihn zur einzigen Möglichkeit wurden, als Dichter mit der Welt zu kommunizieren.
Dass Pasternak sich in seiner übersetzerischen Schaffensphase ausgerechnet Goethes Faust zuwandte, ist unter anderem seiner berühmten Freundin Anna Achmatova zu verdanken, die ihn in einem Brief darum bat, einen modernen Faust zu schreiben, den Faust des 20. Jahrhunderts. Dabei bot sich der fünfte Akt des zweiten Teils, der von imperialer Landgewinnung, der Vertreibung Philemons und Baucis’ und einer ambivalenten Apotheose Fausts handelt, als sicherster Zufluchtsort, um indirekt Kritik am Stalinistischen Herrschaftssystem zu äußern und zugleich als verdeckter Spiegel der Gegenwart. Man kann also beim fünften Akt durchaus von einem eigenständigen Werk sprechen, das sich deutlich vom übrigen Drama abhebt. Welche sprachlichen Entscheidungen Pasternak treffen, welche Akzentverschiebungen und Auslassungen er am Text vornehmen musste, um seine Kritik an der Zensur vorbeizuschleusen, ist von der ersten bis zur letzten Szene eine spannende Spurensuche.
Dieses historische Propagandaposter aus dem Jahr 1951 zeigt Josef Stalin, dargestellt als Anführer und Visionär vor dem Hintergrund industrieller Großprojekte. Es wurde vom Künstler Boris Naumovich Belopolsky geschaffen und in großer Auflage verbreitet.
„Die Realität dringt durch den Klang an die Oberfläche“– inhaltliche Neuschöpfungen
Der wohl direkteste Weg, den Pasternak einschlägt, um unterschwellige Verweise in den Text einzubauen, ist das Einfügen neuer, vom Originalwerk losgelöster Inhalte. Auf diese Art taucht bei ihm gleich zu Beginn des fünften Aktes wie aus dem Nichts der Name Stalin auf: „Стали нужны до зарезу“, was wörtlich „er braucht plötzlich bis zum Verrecken“ heißt. Pasternak, als begabter Musiker, wusste genau um die Klangwirkung dieses Verses. Er schreibt also Stalin phonetisch in den Text ein und gibt damit den Leser:innen einen konkreten Hinweis darauf, dass sich hinter Faust Stalin verbirgt. Mit dem Fortschreiten des Dialogs werden auch die Parallelen mit dem sowjetischen Diktator immer ersichtlicher. So fügt Pasternak zusätzlich das Wort Zugewanderter (пришлец) ein, als Anspielung auf den aus Georgien stammenden Stalin, der zeitlebens an einem Außenseiterkomplex litt und seine Herkunft verachtete. Wie weit sich Pasternaks Übersetzung teilweise vom Original entfernt, zeigt beispielhaft folgende Textstelle:
Der böse, herzlose Bauherr aus der Hölle, eine starke Abwandlung des gottlosen Nachbarn bei Goethe, muss dem sowjetischen Lesepublikum damals nur allzu bekannt vorgekommen sein. Schließlich wurde Stalin während seiner Herrschaft stets als größter Architekt aller Zeiten und Völker glorifiziert. Über genügend Macht wie sein literarisches Pendant verfügte er allemal, um seinen Generalplan durchzusetzen. Der Kanalbau und die Zerstörung der Kapelle im fünften Akt werden somit zu Symbolen Stalins realer, megalomanischer Projekte. Deren Realisierung etwa die Sprengung der Moskauer Christ-Erlöser-Kirche vorsahen, um Platz für den „Palast der Sowjets“ zu schaffen. Dass Pasternaks Faust „aus Stahl“ ist, hebt unmissverständlich hervor, um wen es sich hier eigentlich handelt. Die Chiffre ist nicht schwer zu lösen, Faust und Stahl ergibt „Stahlfaust“. Für den Sowjetmenschen war diese feste Wendung vielsagend. Zwischen 1910 und 1920 war es die eiserne Faust der Revolution bzw. des Proletariats. Später wurde sie zur Personifikation des Führers selbst und stellte auch für Pasternak eine reale Bedrohung dar. So wird im Drama Goethes Schöpfer-Faust allmählich von Pasternaks Tyrannen-Faust verdrängt.
Dieses sowjetische Propagandaplakat aus dem Jahr 1921 mit dem Titel „Die Faust der Revolution wird die Faust der Dörfer zerquetschen“ wurde von Wladimir Koslinski entworfen.
„Er verdient ohne Gnade die ihm bereitete Hölle“ – Verfremdung des Originals
Auf der semantischen Ebene oszilliert Pasternaks Übersetzung unentwegt zwischen Anpassung und Subversion. Dabei verfremdet er die Essenz einzelner Passagen so, dass Faust in einem negativeren Licht erscheint. Während er beispielsweise bei Goethe in einem Vers ermüdet, gerecht zu sein, spuckt Pasternaks Faust wortwörtlich auf die Gerechtigkeit. An einer anderen Stelle ist er im Original innerlich zerrissen und schämt sich, weil er für die Umsiedlung des alten Ehepaares verantwortlich ist: „Und wie ich’s sage, schäm ich mich / Die Alten droben sollten weichen“. Bei Pasternak zerbricht er sich stattdessen den Kopf darüber, wie er die verhassten Alten loswerden soll, die ihm eine Last geworden sind. Da ist kein Hauch Humanismus mehr zu spüren. Goethes nach Wahrheit und Gerechtigkeit suchender Held, der zu einem blinden Werkzeug in Mephistos Händen wird, verwandelt sich in einen zynischen, manipulativen Hochstapler, der selbst die Fäden zieht. Es überrascht also nicht, dass Pasternaks Faust am Ende des Aktes ohne Gnade die ihm bereitete Hölle verdient, wohingegen Goethe seinen Protagonisten lediglich auf diese vorbereitet.
Vom Patron zum Oberhaupt – lexikalische Abwandlungen
Auf der lexikalischen Ebene nimmt Pasternak bewusst Stilbrüche in Kauf, um einen zeitgenössischen, wiedererkennbaren Klang zu erzeugen. Die Bezeichnungen, die er für Faust wählt, entspringen eher einem offiziellen Zeitungsstil als Goethes Wortwahl: Oberhaupt (глава), Vorgesetzter (начальник), Herr (хозяин), alles typische Titel für Stalin während seiner Regierungszeit. Auch erhält der russische Faust statt eines Ufers ein Ödland (пустырь), also eine leere Stelle. Ironischerweise war auch die erste parteiinterne Stelle des Generalsekretärs, die Stalin von Lenin verliehen bekam, nichts weiter als ein bedeutungsloser, dem Politbüro unterstehender Posten ohne Befugnisse. Selbst der betagten Baucis legt Pasternak einen Ausdruck in den Mund – „bis zum Verrecken“ (до зарезу) für „ihn gelüstet“ –, der näher an Gefängnisjargon als Hochliteratur grenzt. In dieser alltagssprachlich gefärbten Lexik, inhaltlichen Verfremdungen und Neuschöpfungen drückt Pasternak auch unmissverständlich seinen Alltag unter Stalinistischer Kulturpolitik aus, wodurch sein fünfter Akt eine neue, politisch aufgeladene Lesbarkeit gewinnt und als ein bedeutendes Zeitzeugnis angesehen werden kann.
Verwendete Literatur:
Iogann Vol'fgang Gete, Sobranie sočinenij (2); Faust, perevod s nemeckogo B. Pasternaka. Moskva: Chudožestvennaja literatura, 1976
Johann Wolfgang Goethe, Faust: eine Tragödie; Teil 2. Berlin: Suhrkamp Verlag 1944.
Jurij Jurchenko, zašifrovannaja poėma, Faust, Pasternak protiv Stalina. Sankt Peterburg: Izdatel’skaja Gruppa „Azbuka Klassika“ 2010.
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