Exlibris Carl von Weinbergs im Zarathustra-Exemplar Nr. 425 © Klassik Stiftung Weimar
Der „Zarathustra“ aus der Villa Waldfried
Restitution von NS-Raubgut
Am 8. April 2026 findet zum achten Mal der internationale Tag der Provenienzforschung statt. Museen, Bibliotheken und andere sammlungsführende Einrichtungen geben an diesem Tag Einblicke in ihre Recherchen zur Herkunft von Kunst- und Kulturgütern. Ein Bericht zu einem Fall von NS-Raubgut in der Herzogin Anna Amalia Bibliothek.
Im Jahr 1908 veröffentlichte der Leipziger Insel Verlag eine prachtvolle großformatige Ausgabe des dichterisch-philosophischen Werkes Also sprach Zarathustra von Friedrich Nietzsche. Sie ist Ausdruck der zeitgenössischen Verehrung für den im Jahr 1900 in Weimar verstorbenen Philosophen. Inhalt, Typografie, Illustrationen und Materialien sind künstlerisch aufeinander abgestimmt. Der Architekt und Designer Henry van de Velde, der zuvor bereits das Weimarer Nietzsche-Archiv neugestaltet hatte, entwarf die ornamentalen Illustrationen und den Einband. Er leitete auch die Drucklegung, die in der Offizin W. Drugulin in Leipzig erfolgte, einer der angesehensten Druckereien in Deutschland. Insgesamt wurden lediglich 530 nummerierte Exemplare dreifarbig in Schwarz, Purpur und Gold gedruckt. Im Impressum des Buches ist angegeben, dass die Nummern 1-100 in Leder und die Nummern 101-530 in Pergament gebunden wurden. Im Insel-Almanach, dem Jahrbuch des Verlags, wurden Interessenten darüber informiert, dass die in Leder gebundene Variante zum seinerzeit beachtlichen Preis von 120,- Mark zu haben war. Die in Pergament gebundenen Exemplare kosteten 90,- Mark. Die Ausstattung und die Preisgestaltung verweisen darauf, für wen dieses Angebot gedacht war – für finanzstarke Bibliophile, also Bücherliebhaber, die schöne, wertvolle und seltene Buchexemplare schätzen und sammeln.
Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra. Ein Buch für Alle und Keinen. Leipzig: Insel Verlag, 1908. Vortitel. HAAB-Sign. 7341 – C. © Klassik Stiftung Weimar
Die Klassik Stiftung Weimar überprüft systematisch, ob sich in ihren Beständen Objekte befinden, deren frühere Eigentümer in der NS-Zeit aufgrund ihrer Herkunft, ihres Glaubens oder ihrer politischen Einstellung verfolgt wurden. Werden solche Kulturgüter identifiziert, ist zu klären, ob sie den Verfolgten zwischen 1933 und 1945 unrechtmäßig entzogen wurden. In diesem Zusammenhang wurde auch die Provenienz eines Exemplars der Zarathustra-Ausgabe erforscht, das sich im Bestand der Herzogin Anna Amalia Bibliothek befindet.
Einband des Zarathustra-Exemplars Nr. 425 mit dem aufgeklebten Signaturetikett der Thüringischen Landesbibliothek Weimar. © Klassik Stiftung Weimar
Das Exemplar mit der Nr. 425 weist eine Besonderheit auf: Entgegen der Angabe im Impressum besitzt es den originalen Ganzledereinband. Die Thüringische Landesbibliothek, eine Vorgängerinstitution der Herzogin Anna Amalia Bibliothek, erwarb es im September 1943 von dem Weimarer Antiquar Lothar Hempe zum Preis von 126,- Reichsmark. Das ist durch den Eintrag im Zugangsbuch der Bibliothek dokumentiert. Der überlieferte Schriftwechsel zwischen Hempe und der Landesbibliothek enthält keine Hinweise auf frühere Eigentümer.
Welchem Bücherliebhaber gehörte das Exemplar, bevor es in den Handel gelangte?
Im Buch ist ein auffälliges Exlibris eingeklebt. Darauf ist ein gerahmtes Wappen abgebildet. Es besteht aus einem Wappenschild mit drei Kornblumenblüten und einem bekrönten Turnierhelm mit einem aus der Krone steigenden Pferd. Unter den Rahmen ist der Schriftzug Waldfried gesetzt. Es handelt sich um das Wappen der Brüder Arthur (1860–1943) und Carl von Weinberg (1861–1943). Die Bezeichnung Waldfried verweist auf die gleichnamige Villa, die Carl von Weinberg Ende des 19. Jahrhunderts in Niederrad bei Frankfurt am Main für seine Familie erbauen ließ. Das Exlibris kennzeichnet Bücher aus seiner Privatbibliothek.
Arthur und Carl von Weinberg, Söhne ursprünglich jüdischer, später zum Protestantismus konvertierter Eltern, gehörten zu den bedeutendsten Unternehmern des Deutschen Kaiserreichs und der Weimarer Republik. Nach Abschluss ihrer jeweiligen Ausbildungen wurden sie zunächst Teilhaber der von ihrem Vater und ihren beiden Onkeln mütterlicherseits geführten Firma Cassella, einer Farbengroßhandlung. Die Brüder entwickelten die Firma zu einem der weltweit größten Hersteller synthetischer Farbstoffe. Für ihre Verdienste um die deutsche chemische Industrie erhob Kaiser Wilhelm II. die beiden Unternehmer 1908 in den erblichen preußischen Adelsstand.
Arthur von Weinberg nahm als Offizier am Ersten Weltkrieg teil. Seine Frau und eine seiner Adoptivtöchter wandelten die Familienvilla Buchenrode in Frankfurt-Niederrad in dieser Zeit in ein Privatlazarett für schwerverletzte deutsche Soldaten um. Nach dem Waffenstillstand war Carl von Weinberg 1919 Mitglied der deutschen Delegation bei den Versailler Friedensverhandlungen.
Im Jahr 1925 gehörten Arthur und Carl von Weinberg zu den Begründern der Interessengemeinschaft Farbenindustrie AG, kurz IG Farben. In diesem seinerzeit größten deutschen Konzern nahmen sie führende Positionen ein. Privat engagierten sich die Brüder und ihre Ehefrauen intensiv als Wohltäter und Mäzene. Sie unterstützten wissenschaftliche Vereine, Forschungsinstitute, Museen, die Universität, die Städtischen Bühnen sowie den Zoologischen Garten in Frankfurt am Main und gründeten ein Kinderheim sowie eine Schule.
Ab 1933 wurden Arthur und Carl von Weinberg aufgrund ihrer jüdischen Herkunft durch das NS-Regime verfolgt. 1936 verloren sie ihre Funktionen in der IG Farben. Im Dezember 1938 wurde Carl von Weinberg gezwungen, seine Villa Waldfried mitsamt Kunstsammlung und Bibliothek weit unter Wert an die Stadt Frankfurt am Main zu verkaufen. Nach dem Tod seiner Frau emigrierte er 1939 nach Italien. Dort starb er am 14. März 1943.
Sein Bruder Arthur erlitt ebenfalls erhebliche, durch die NS-Verfolgung bedingte Vermögensverluste. Im Juni 1942 wurde er in das Konzentrationslager Theresienstadt deportiert. Dort starb er am 20. März 1943, wenige Tage nach seinem Bruder.
Aufgrund dieser Rechercheergebnisse hat die Klassik Stiftung Weimar das 1943 erworbene Exemplar Nr. 425 der Zarathustra-Ausgabe als NS-verfolgungsbedingt entzogenes Kulturgut bewertet. Es folgte eine langwierige Suche nach den heutigen Erben Carl von Weinbergs. Sie wurden kontaktiert, um gemeinsam eine gerechte und faire Lösung zu finden. Der Band wurde Ende 2025 an sie restituiert. Im Sinne der mäzenatischen Tradition der Familie Weinberg entschieden die Erben zugleich, das Buch der Herzogin Anna Amalia Bibliothek als Schenkung zu überlassen. Damit befindet sich das Zarathustra-Exemplar Nr. 425 nun rechtmäßig im Bestand der Weimarer Bibliothek.
Auch interessant
Benedikt Kautsky und die Bücher aus einstigen Gewerkschaftsbüchereien und SPD-Bibliotheken
Restitution von NS-Raubgut
Restitution von NS-Raubgut
Restitution von NS-Raubgut