. Philipp Otto Runge, Selbstbildnis, 1806
Ein Garten aus Papier
Scherenschnitte für Goethe
Fünf Scherenschnitte von Philipp Otto Runge führen zurück zu einer außergewöhnlichen Begegnung zwischen Kunst und Freundschaft.
Narzisse, Margerite, Nelke, Flieder und Maiglöckchen: Fünf filigrane Scherenschnitte von Philipp Otto Runge (1777–1810) geben Einblick in die Kunst der Romantik und die Bildwelt der Goethezeit.
2025 erwarben die Ernst von Siemens Kunststiftung und die Museen der Klassik Stiftung Weimar die Werke gemeinsam. Seitdem bereichern die Scherenschnitte die Graphischen Sammlungen der Museen.
Runges Scherenschnitte zählen zu den herausragenden Papierarbeiten der Zeit um 1800. Darin verband der Künstler genaue Naturbeobachtung mit seinem naturwissenschaftlichen Interesse an Aufbau und Gestalt der Pflanzen. Bereits als Kind beschäftigte er sich mit dieser Technik, der er sein Leben lang in unterschiedlichen Formen treu blieb. Schon früh wurden seine Arbeiten gesammelt; einzelne Exemplare verschenkte er an Menschen, die ihm nahestanden.
Bis zu ihrem Erwerb befanden sich die bislang unbekannten Blätter im Besitz von Nachfahren der Hamburger Künstlerfamilie Speckter, die mit Runge befreundet war. Ihre Herkunft lässt sich daher bis zum Künstler selbst zurückverfolgen. Für Weimar sind sie von besonderer Bedeutung: Sie vergegenwärtigen jene Blumenschnitte, die Runge einst an Johann Wolfgang von Goethe sandte. Ihre Geschichte führt mitten hinein in die gesellschaftlichen und künstlerischen Netzwerke der Goethezeit.
. Philipp Otto Runge — Flieder, um 1805 (Leihgabe der Ernst von Siemens Kunststiftung)
Im Mai 1806 schickte Philipp Otto Runge Goethe seine druckgrafische Folge Die Zeiten. Goethe antwortete am 2. Juni 1806: „Wir glauben ihre sinnvollen Bilder nicht eben ganz zu verstehen, aber wir verweilen gern dabei und vertiefen uns öfter in ihre geheimnisvolle, anmutige Welt.“
Zugleich bat Goethe um einige von Runges Scherenschnitten sowie um dessen Bildnis. Der Künstler erfüllte Goethes Wunsch und sandte ihm sein Selbstbildnis sowie eine größere Zahl von Blumenschnitten.
. Philipp Otto Runge: Margerite, um 1805 (Leihgabe der Ernst von Siemens Kunststiftung)
In seinem Brief vom 17. September 1806 äußerte Runge jedoch die Sorge, die empfindlichen Papierarbeiten würden sich, „so los umhergetrieben“, nicht lange erhalten. Deshalb schlug er Goethe vor, die Blumen auf einen mit Leinwand und Papier bespannten Rahmen zu kleben und den so gestalteten Rahmen anschließend zu lackieren und als Ofenschirm zu verwenden.
In einer ausführlichen Anleitung beschrieb Runge die benötigten Materialien und die einzelnen Arbeitsschritte. Auf einem beigefügten Blatt skizzierte er zudem, wie die Blumen angeordnet werden könnten. Goethe stellte er jedoch ausdrücklich frei, eine andere Gestaltung zu wählen.
Goethe reagierte auf Runges Sendung begeistert. Schon für einen einzigen Strauß wäre er dankbar gewesen; nun aber umgebe Runge ihn „mit einem ganzen Garten“. Goethe erwog sodann, die Scherenschnitte gemeinsam mit der Folge Die Zeiten und Runges Selbstbildnis in dem heute so bezeichneten Junozimmer seines Wohnhauses zu präsentieren.
. Philipp Otto Runge, Die Zeiten: Der Tag, 1805
Nach der Plünderung Weimars durch französische Truppen im Zuge der napoleonischen Kriege nahm Goethe jedoch zunächst Abstand von diesem Plan. „Zwar ist in meinem Hause nichts zerstört; aber die Lust, seine Umgebung erfreulicher zu machen, kehrt erst langsam zurück“, schrieb Goethe an Runge. Dessen Arbeiten hätten ihm geholfen, „eine frühere Epoche an eine spätere, die durch einen ungeheuren Riß voneinander getrennt scheinen, wieder anzuknüpfen“.
Diese Werke boten Goethe damit offenbar einen Bezugspunkt, um nach der kriegsbedingten Zäsur die Verbindung zu früheren Lebenszusammenhängen wiederherzustellen.
Im Dezember 1806 präsentierte Goethe die Blumenschnitte im Weimarer Salon Johanna Schopenhauers. Der Dichter erzählte ihr von Runges Entwurf für einen Ofenschirm, skizzierte dessen Aufbau und bot sogar an, beim Aufkleben der Scherenschnitte zu helfen.
. Caroline Bardua — Johanna Schopenhauer und ihre Tochter Adele vor der Staffelei, 1806
Nach dem Vorbild von Runges Arbeiten begann Johanna Schopenhauer, eigene Blumen auszuschneiden. Am 22. Dezember notierte sie, Goethe habe sich intensiv mit der Anordnung der Blumenschnitte auf dem Schirm beschäftigt. Anfang Januar 1807 war das Werk „in voller Arbeit“. Am 30. Januar schließlich war es vollendet und zog, wie Johanna Schopenhauer an ihren Sohn Arthur berichtete, die „Bewunderung aller Welt“ auf sich.
Der Ofenschirm und die Blumenschnitte, die Runge an Goethe sandte, sind heute nicht mehr erhalten. Die fünf neu erworbenen und hier gezeigten Werke lassen diese verlorene Geschichte wieder lebendig werden. Durch ihre Technik, ihre Größe und ihre Motivik vermitteln sie eine anschauliche Vorstellung der Arbeiten, die Runge einst Goethe schenkte. Sie führen zugleich eine Kunst vor Augen, die von Mensch zu Mensch weitergegeben wurde: als Geschenk und Zeichen persönlicher Verbundenheit, als schöpferische Anregung und als Einladung, auch selbst gestalterisch tätig zu werden.
Ein herzlicher Dank für die Kooperation gilt der Ernst von Siemens Kunststiftung.