Schloss erzählen #01
Residenzschloss Weimar. Durch Räume und Zeit ins Heute
Ganz Weimar schien an diesem 9. November des Jahres 1804 auf den Beinen zu sein. Nach hartnäckigem Werben und Verhandeln traf eine langersehnte Reisegesellschaft ein. Sie kam aus dem fernen Osten Europas. Weimars 21-jähriger Erbprinz und künftiger Herzog Carl Friedrich kehrte aus Russland zurück. Ihn begleitete seine 18-jährige Frau, die so viel höher im Rang stand als er, die Großfürstin Maria Pawlowna, Schwester von Kaiser Alexander I. Das Paar hatte im August in St. Petersburg geheiratet und sich einige Wochen später auf den Weg gemacht.
Auf dem letzten Stück der Reise, kurz vor Weimar, hatten zahlreiche Abordnungen die Eheleute empfangen, die mit ihrer Kutsche am frühen Nachmittag die Ilm überquerten, dabei mehrere Triumphbögen passierten, Sternbrücke und Ilmpark links liegen ließen, kurz danach ebenso das Schloss, das sie halb umrundeten, um im Hof des Residenzschlosses, dem Cour d’Honneur, zum Halten zu kommen. Das alles begleitet von jubelnden Bewohnern und Bewohnerinnen Weimars und dem Glockengeläut der Kirchen der Stadt.
Im damaligen herzoglichen Residenzschloss, in dem die Fürstenfamilie nicht nur wohnte, sondern ein wesentlicher Teil der Verwaltung untergebracht war und das heute im Allgemeinen Stadtschloss genannt wird, sollten die frisch Vermählten die für sie hergerichteten Räume beziehen. In jenen Tagen war es ein dreiflügeliger Bau, der schon damals weniger durch seine Fassade als durch seine Größe am damaligen Ostrand der kleinen Stadt auffiel.
In der Ankunft der jungen Braut spiegelten sich die Kämpfe um neue Ideen in Europa, und Weimar bildete eine Drehscheibe dieser Absichten und Entwicklungen; mit dem Schloss im Zentrum. Dies nicht zum ersten und nicht zum letzten Mal. Von allen geschichtsträchtigen Orten Weimars, von denen es so viele gibt, ist das Stadtschloss jener Ort, der am ehesten über alle Zeiten erzählen kann, der sich am auffälligsten wandelte, derjenige, der die meisten Berühmtheiten und Veränderungen der Welt sah, und von dem vielleicht gerade deshalb am meisten zu erzählen ist. Doch gerade weil es so viele Epochen durchlebte, mehrfach in Ruinen versank, immer wieder angetrieben von neuen Ideen aufgebaut wurde, sich wandelte, ist es auch am schwersten zu fassen. Vielleicht aber gerade deshalb ist es jener Ort in Weimar, der am stärksten über alle Zeiten hinweg ins Heute und Morgen hinein inspiriert. Nahezu still nach außen, doch beredt im Innern.
Ernst Christian Johann Friedrich Preller d.Ä. (1804-1878): Einzug der Maria Pawlowna von Sachsen-Weimar-Eisenach, geb. Großfürstin von Russland (1786-1859) in das Weimarer Schloss, 1849 © Klassik Stiftung Weimar
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Komposition für das Weimarer Stadtschloss