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Mehr als Ikone

Weimar, das Bauhaus und die Frage, wie Welterbe lebendig bleibt

1996 wurden die Bauhaus-Stätten in Weimar und Dessau zum UNESCO-Welterbe erklärt. Dreißig Jahre später feiert die Klassik Stiftung Weimar dieses Jubiläum mit Ausstellungen wie „Historie trifft Gegenwart“ und mit kritischen Perspektiven auf das Bauhaus im politischen Kontext. Was bedeutet Welterbe heute – im Bauen, im Museum, in der gesellschaftlichen Debatte? Ulrike Bestgen, Leiterin des Bauhaus-Museums, Susanne Dieckmann, Abteilungsleiterin Bau und Denkmalpflege bei der Klassik Stiftung Weimar, und Daniela Spiegel, Professorin für Denkmalpflege und Baugeschichte an der Bauhaus-Universität Weimar, sprechen über Verantwortung, Vermittlung und ein Erbe, das alles andere als bequem ist.

Das unbequeme Erbe

Frau Spiegel, Welterbe klingt nach Einigkeit - doch Bauhaus-Orte sind auch politisch aufgeladen: als modernistisches Symbol, als Projektionsfläche, als ‚Marke‘. Was wird aus Ihrer Sicht zu oft ausgeblendet, wenn wir Bauhaus-Stätten feiern? Und welche un bequemen Fragen sollten wir zum 30-jährigen Welterbe-Jubiläum unbedingt öffentlich stellen?

Die weltweite Strahlkraft des ‚Bauhauses‘ als Marke hängt maßgeblich mit dem über die Nachkriegsjahrzehnte geschaffenen Narrativ der demokratischen, reinen und weißen Moderne zu sammen – eine Mythisierung und Heroisierung, an der auch Bauhaus-Begründer Walter Gropius selbst wesentlichen Anteil hatte. Innerhalb der Forschung und auch der musealen Vermittlungsarbeit wurde im Kontext der Jubiläen zwischen 2019 und 2025/26 bereits der Fokus geweitet und die Vielschichtigkeit dieser Epoche, ihrer Produkte und Akteur*innen herausgearbeitet, nicht zuletzt mit der preisgekrönten Ausstellung Bauhaus und Nationalsozialismus im Themenjahr Auf/Bruch der Klassik Stiftung Weimar 2024. Hinsichtlich des Welterbe-Jubiläums wird zu fragen sein, wie wir diese Erkenntnisse sowie auch die Veränderungs- und Nachnutzungsgeschichte unseres Erbes vielleicht noch stärker in die Vermittlungsarbeit des Welterbe-Tourismus einbringen und damit das Erbe lebendig halten können.

Sie arbeiten zur Architekturgeschichte des 20. Jahrhunderts, auch in autokratischen Systemen, und zur Theorie der Denkmalpflege. Wenn Sie nach vorn schauen: Welche neuen Konflikte kommen auf das Bauhaus-Erbe zu, etwa durch Klimaanpassung, Stadtentwicklung, politische Instrumentalisierung oder Über-Tourismus? Und was wäre eine kluge Denkmalpflege-Strategie für die nächsten 30 Jahre?

Während Über-Tourismus und Stadtentwicklung aus meiner Sicht wahrscheinlich kein großes Thema für unsere Bauhaus-Welterbestätten in Weimar, Dessau und Bernau sein werden, halte ich Klimaanpassung und politische Instrumentalisierung leider für Herausforderungen, die tatsächlich virulent werden könnten und es zum Teil schon sind. Beispielsweise setzen steigende Temperaturen und vermehrte Starkregen- und Sturmereignisse der Glasfassade im Bauhaus Dessau jetzt schon enorm zu – dies wird bei der derzeitig laufenden Sanierungsplanung für den Werkstattflügel mit beachtet. Und der im Oktober 2024 vonseiten der AfD im Landtag Sachsen-Anhalt eingebrachte Antrag über die „Irrwege der Moderne“, dessen Duktus erschreckende Parallelen zu nationalsozialistischen Verunglimpfungen der Moderne aufwies, hat gezeigt, dass dieses Erbe (wie auch die darin implementierte Forschungs-, Wissenschafts- und Kunstfreiheit) mehr denn je geschützt werden muss.

<p>Prof. Daniela Spiegel © Tobias Adam</p>

Prof. Daniela Spiegel © Tobias Adam

<p>Dr. Ulrike Bestgen © Candy Welz</p>

Dr. Ulrike Bestgen © Candy Welz

Welterbe erzählen

Frau Bestgen, zum Jubiläum zeigen Sie im Bauhaus-Museum Weimar die Ausstellung Historie trifft Gegenwart. UNESCO-Bauhaus-Stätten in Weimar, Des sau und Bernau im Spiegel von Zeit und Sichtweisen. Was ist Ihnen dabei besonders wichtig: Soll Welterbe vor allem erklärt, emotional erfahrbar oder kritisch befragt werden? Welche Erzählung über das Bauhaus möchten Sie 2026 bewusst stärker machen – und welche vielleicht auch korrigieren?

Die Ausstellung im Bauhaus-Museum Weimar bringt Ansichten auf historischen Fotopostkarten und aktuelle Perspektiven auf die Bauhaus-Welterbestätten in Weimar, Dessau und auch Bernau zusammen. Die Postkarten stammen aus der Entstehungszeit der Gebäude oder sind kurz danach produziert worden. Als historische Quelle machen sie deutlich, dass die Architektur der Welterbestätten von Beginn an ein mediales ‚Ereignis‘ war. Die bis heute zum Teil ikonischen Bilder wurden über das Massenmedium Postkarte populär. Dem stellen wir heutige Aufnahmen der Gebäude gegenüber, die zwar auch die bekannten Motive der historischen Fotografie aufnehmen, jedoch viel mehr Aufmerksamkeit architektonischen Details widmen. Die Ausstellung lädt insofern ein zum genauen Hinsehen und im besten Falle zum Erkunden der maßstabsetzenden Architektur der Welterbestätten vor Ort in Weimar, Dessau und Bernau.

Parallel läuft das große Jubiläum 100 Jahre Bauhaus Dessau, das seit September 2025 bis Ende 2026 viele Partner verbindet. Was kann Weimar in dieser Phase besonders beitragen – jenseits der ikonischen Dessauer Architektur? Welche Rolle spielen Sammlung, Museum und Vermittlung dabei, Weimar als Ursprung, Labor und Streitfall sichtbar zu halten?

Das Bauhaus-Museum Weimar ist hinsichtlich seiner Ausstellungs- und Vermittlungstätigkeit nicht nur durch seine weltweit älteste Sammlung von Bauhaus-Objekten, sondern auch durch den Standort des Museumsgebäudes vis-à-vis des ehemaligen Gauforums und durch seinen Zusammenhang mit der Topografie einer ambivalenten Moderne in Weimar geprägt. Viele Leser*innen erinnern sich sicherlich noch an die große Ausstellung Bauhaus und Nationalsozialismus, die die Klassik Stiftung Weimar 2024 erarbeitet hat. Daher hat die Direktion Museen auch vor dem Hintergrund der ideologisch motivierten Kritik am Dessauer Jubiläumsprogramm und der Bauhaus-Architektur einen Teil dieser Ausstellung modifiziert zur Präsentation Das Bauhaus und die Politik. Sie ist noch bis zum 4. Januar 2027 im Museum Neues Weimar zu sehen. Dies ist unser dezidierter Beitrag zum Bauhaus-Jubiläum im Jahr 2026: durch differenzierte Aufarbeitung historischer Quellen zu zeigen, wie sich das Bauhaus im Laufe seiner Existenz mit unterschiedlichen politischen Rahmenbedingungen auseinandersetzen musste und welch immense Bedeutung die Freiheit von Wissenschaft und Kunst gestern und heute hat.

Verantwortung für die Substanz

Frau Dieckmann, 1996 wurden die Bauhaus-Stätten in Weimar und Dessau UNESCO-Welterbe – eine Auszeichnung, die oft nach Glanz klingt. Was bedeutet sie in Ihrer täglichen Arbeit ganz konkret: Welche zusätzlichen Anforderungen, welche Chancen – und welche Grenzen – bringt der Welterbe-Status für Pflege, Sanierung und Nutzung historischer Bauwerke mit sich?

Im Alltag bedeutet Welterbe nicht nur Anerkennung, sondern auch Verpflichtung. Der Auftrag der UNESCO an uns lautet, den Outstanding Universal Value (OUV) der Denkmale zu erhalten. Für alle Instandhaltungsmaßnahmen, Weiterentwicklungen und Veränderungen bedeutet dies einen engen Rahmen zur Umsetzung neuer Anforderungen aus Nutzung oder aus zeitgemäßen Standards. Dazu kommt ein sehr hoher Abstimmungs- und Dokumentationsaufwand für alle baulichen Maßnahmen an den Denkmalen. Gleichzeitig fordern außergewöhnliche Bauwerke auch Wissenschaft, Kreativität und individuelle Lösungen beim Bauen. Das macht Baumaßnahmen im Welterbe besonders interessant und führt oft zu einzigartigen Ergebnissen mit hohen Qualitätsstandards. Bauhaus-Architektur steht für Innovation, aber Denkmalschutz setzt auf Erhalt.

Wo erleben Sie die größten Spannungen zwischen ‚authentisch bewahren‘ und ‚zeitgemäß nutzbar machen‘? Gibt es ein Beispiel, an dem man diesen Konflikt besonders gut erläutern kann?

Denkmalschutz stellt den Substanzerhalt und die Erhaltung des Erscheinungsbildes in den Vordergrund. Viele Denkmale wurden im Zug der Nutzungsgeschichte mehrmals verändert, ebenso das Haus Am Horn. Es wurde angebaut oder Bauteile wurden nach zeitgemäßen Standards erneuert. Zum Beispiel waren die Fenster ursprünglich einfach verglast und mit feinen Profilen versehen. Später wurden neue Fenster mit Isolierglas, dickeren Fensterrahmen und weniger Glasflächen eingebaut. Um das Erscheinungsbild des Musterhauses Am Horn wieder herzustellen, wurden 2018 die historischen Fenster rekonstruiert. Diese Herangehensweise kann kritisch gesehen werden, weil sie aus energetischer Sicht eine Verschlechterung bedeutet. Ziel war es jedoch, das Haus als Zeitzeugnis möglichst in dem Zustand zu zeigen, wie die Bauhäusler*innen es 1923 errichtet hatten.

<p>Susanne Dieckmann © Henry Sowinski</p>

Susanne Dieckmann © Henry Sowinski

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