Dr. Ulrike Lorenz, Präsidentin der Klassik Stiftung Weimar © Dominique Wollniok
Was gibt's Neues, Frau Lorenz?
Die Stiftungspräsidentin über Öffnen als kulturelle Praxis
‚Öffnen‘ klingt nach Einladung, nach dem Gegenteil von Elfenbeinturm. Doch es bedeutet auch Kontrollverlust. Was heißt Öffnen für Sie persönlich, wo spüren Sie Widerstände?
Der Titel unseres Themenjahres markiert die erste Eröffnung im Stadtschloss Weimar nach einer dramatischen 16-jährigen Planungs- und Bauphase. Damit ist die schwierigste Hürde im größten Sanierungsprojekt genommen. Ein Sieg im Ringen um das Weltkulturerbe Klassisches Weimar und ein Signal für den Kultur staat Deutschland, der hier im Schulterschluss von Land und Bund Millionen Steuergelder investiert. Angst vor Kontrollverlust – das kann ich Ihnen schwören – ist unser geringstes Problem. Vielmehr wollen die Expert*innen und Wissenschaftler*innen in Denkmalpflege, Museen und Sammlungen vorankommen, Ergebnisse sehen. Klar ist das im täglichen Dranbleiben anstrengend. Wir haben ernsthafte Krisensituationen meistern müssen, was nur im kollegialen Miteinander, mit klaren Maximen und fundiertem Pragmatismus gelingen kann. Es müssen immer wieder geduldig Grenzen und Widerstände überwunden, Missverständnisse geklärt, Ziele geschärft werden. Aber man ist in so einem Riesenbetrieb Gott sei Dank nie allein. Das trägt einen durch Tränen täler, ist Ansporn, kann ermutigen und stärken. Es gibt kein Zurück.
Viele Institutionen sprechen von Öffnung und meinen: mehr Publikum, mehr Events, mehr Reichweite. Wie vermeiden Sie, dass der Begriff zur bloßen Formel wird?
Die Klassik Stiftung Weimar verfolgt seit 2019 konsequent eine Politik des Offener- und Verständlicher-Werdens. Wir wollen Menschen nicht nur reinziehen in unsere Häuser und Themen, sondern auch wirklich teilhaben lassen an unserem Arbeiten mit dem Kulturerbe: Restaurieren, Forschen und Erschließen, Digitalisieren und Ausstellen – wie das geht, zeigen wir 2026 in Ausstellungen und mit Einblicken hinter die Kulissen. Damit machen wir uns als Institution kenntlich, transparent. Wenn man diese Richtung über Jahre durchhält, verwandelt sich eine ganze Institution: das Selbstverständnis, die Arbeitsprozesse und der Auftritt nach außen. Denn Offener-Werden heißt auch, vieles anders zu machen als früher. Das hat sich den Kolleginnen und Kollegen mittlerweile eingeprägt. Wir haben Methoden und Partnerschaften entwickelt, um aus unseren Häusern und Komfortzonen rauszukommen. Wir gehen rein in die Stadt und zu den Leuten, um die realen Bedürfnisse besser kennenzulernen und miteinander ins Gespräch zu kommen. Wir verbünden uns mit Initiativen und Akteur*innen der Zivilgesellschaft. Dieser Charakterwandel wird wahrgenommen in der Öffentlichkeit, nicht nur in Weimar, sondern im ganzen Land, punktuell sogar international. Wir können messbare Ergebnisse vorweisen, unsere Expertise auf dem Gebiet von Bildung, Teilhabe, Kooperation, Wirken im ländlichen Raum ist deutschlandweit gefragt. Kurzum: Öffnen ist Haltung.
Weimar ist eine Stadt mit übermächtiger Erinnerung – ein Ort, der sich ständig selbst zitiert, dessen kulturelle Identität so stark mit einem Kanon verbunden ist. Was heißt Öffnen gerade hier und jetzt?
Weimar gegen den Strich lesen, mit dem Kanon an seiner Erweiterung arbeiten, geistige Impulse und kulturelle Praktiken der Goethezeit ohne Scheuklappen neu denken, sie für uns heute und für künftige Generationen im wahrsten Sinn des Wortes auf schließen, anschlussfähig, attraktiv, lebendig halten. Das ist Sinn und Zweck der Klassik Stiftung Weimar. Und bitte kein Missverständnis: Es geht dabei definitiv nicht um platte Aktualisierung oder Popularisierung. Klar arbeiten wir stellenweise mit Einfacher Sprache, aber vor allem arbeiten wir daran, komplexe Inhalte in der Kombination unserer großartigen Objektsammlungen mit den Raumkunstwerken intelligent, anschaulich, verständlich zu vermitteln. Nichts geht über unseren Bildungsschlager Faust in sechs Minuten: Da sitzt jedes Wort und Augenzwinkern. Oder die bildgewaltigen Riesencomics von Simon Schwartz: Faust-Schauplätze in aller Welt. Mit diesem Basiswissen geht man verständiger, leichtfüßiger durch die Faust-Ausstellung im Schiller-Museum und kann das Lebenswerk Goethes im Licht der wunderbaren Objekte aus seinen Natur- und Kunstsammlungen oder beim Klang seiner extrem wandlungsreichen Sprache als puren Lustgewinn verbuchen.
Öffnen also nicht als Entkernung von Tradition…
„Tradition ist nicht die Anbetung der Asche, sondern die Weitergabe des Feuers.“ Das trifft unser Selbstverständnis. Die denkmalgerechte Sanierung des Stadtschlosses wird uns und unseren Gästen Möglichkeitsräume eröffnen für eine Vielzahl alternativer Nutzungen. Wir konservieren nicht das abgeschottete fürstliche Machtzentrum, sondern gestalten mit Respekt vor dem Denkmal ein offenes Forum für den neuen Souverän: für Öffentlichkeit und Gesellschaft im 21. Jahrhundert. Das ist eine echte Umwidmung. Wir bringen hier Leben rein, laden andere ein, mit uns Programm zu machen, öffnen eine Ilmterrasse, schaffen Durchgänge. Das Schloss verbindet sich mit Stadt und Park. Sie werden das 2026 konkret erleben. Deswegen feiern wir die erste Eröffnung auch mit einem Wochenende der offenen Tür – das Schloss aufgeschlossen für alle.
Goethes Wohnhaus, ein wahrer Besuchermagnet, steht für die Aura des klassischen Weimar. Es schließt im November 2026 für eine Sanierung. Das fühlt sich an wie eine paradoxe Pointe?
Wo sich etwas schließt, öffnen sich andere Wege. 2026 ist nicht nur geprägt durch die Wiedereröffnung von Schlössern und dem Abschied vom Goethehaus für circa drei Jahre. Pünktlich, bevor die Restaurierung des Dichterhauses beginnt, starten wir durch in die digitale Welt: Goethe geht 2026 ins Netz, wir machen das Portal zur Goethezeit zum zentralen Informationsdienst weltweit und wir weihen zum Goethe-Geburtstag am 28. August das digitale Goethehaus direkt am Frauenplan ein. Zusätzlich wird ein Goethe-Parcours den Weimar-Gästen weitere Goethe-Orte aufschließen – in wenigen Minuten fußläufig zu erreichen und voller Überraschungen.
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