Baustelle, wohin das Auge blickt: Enfilade im Stadtschloss Weimar © Marcus Schwier
Weimars Schloss erwacht
Zwischen Geschichte, Handwerk und Zukunft
Hinter Bauzäunen und seit 2018 geschlossenen Türen geschieht in Weimar etwas Außergewöhnliches: Das Stadtschloss, jahrhundertelang Machtzentrum, Kunstort und Symbol höfischer Kultur, verwandelt sich. Stück für Stück, Raum für Raum entsteht ein neuer Ort – einer, der das historische Herz der Stadt mit der Zukunft der Klassik Stiftung Weimar verbindet. „Wir restaurieren nicht nur ein Gebäude“, sagt Projektleiterin Anne Tunkel. „Wir erwecken ein kulturelles Zentrum zum Leben.“
Die Geschichte des Projekts reicht weit zurück. Schon 2008 wagte eine erste Studie den Blick auf die Machbarkeit einer denkmalgerechten Sanierung. Weimars Schloss ist kein gewöhnliches Bauwerk – es ist ein Geflecht aus Jahrhunderten. Nach umfangreichen Planungen begann 2018 endlich der erste Bauabschnitt: der Ostflügel, das künftige Entree des neuen Schlosses.
Hier befindet sich der neue zentrale Empfangsbereich für die Museumsbesucher*innen, in dem erste Eindrücke der Schlossgeschichte vermittelt werden. Im 1. Obergeschoss erwarten die Besucher*innen die repräsentativen musealen Räume der Beletage, deren Besonderheit in der Authentizität der klassizistischen Raumfassungen liegt – dies in Verbindung mit einer neu konzipierten Dauerausstellung zur Weimarer Klassik. Eine weitere Zeitschicht des Schlosses erschließt sich im Untergeschoss, wo sich die Garderoben und Nebenfunktionen befinden. Hier sind Teile ehemaliger Bunkeranlagen aus der Zeit des Nationalsozialismus als Zeichen der komplexen Schlossgeschichte sichtbar.
Der Bauprozess war geprägt von Herausforderungen. Coronakrise, Ukrainekrieg, steigende Baupreise – und dann der Schock: Hausschwammbefall in den tragenden Holzkonstruktionen. „Es ist ein Albtraum für jedes historische Gebäude“, erinnert sich Tunkel. Es mussten Verfahrensweisen entwickelt und umgesetzt werden, die möglichst wenig in die wertvolle Bestandssubstanz eingreifen – in diesem Fall aufwendige Abstützungen von unten und Deckensanierung von oben, um wertvolle originale Deckengestaltungen erhalten zu können. Ein Balanceakt zwischen Ingenieurskunst und Denkmalschutz, der das Projekt prägt.
Aufgrund einer Finanzierungszusage über weitere 100 Millionen Euro von Bund und Land konnte 2023 der zweite Bauabschnitt auf den Weg gebracht werden. Er soll das Schloss als lebendige Mitte der Stiftung vollenden. Geplant sind erweiterte Ausstellungsräume, Flächen für Bildung, Forschung und Vermittlung, ebenso ein Café, ein Museumsshop und Aufenthaltszonen, die das Schloss für Besucher*innen öffnen. Schon 2025 begannen im Schlosshof archäologisch begleitete Tiefbauarbeiten. Der eigentliche Ausbau startet – nach der Teileröffnung des Ostflügels Ende 2026 – zunächst im Nordflügel, wohin künftig die Cranach- und Mittelaltersammlungen zurückkehren. Hier entsteht ein Foyer mit Shop und Café, das den Schlosshof zu einem Ort der Begegnung machen soll – ein Vorgeschmack auf das, was bis 2032 folgen soll.
Zeugnis dunkler Zeiten: der ehemalige Luftschutzbunker im Schloss © Marcus Schwier
18.200 Quadratmeter, mehr als 600 Räume, nicht jeder davon wird Museum: Das Gebäude soll zugleich Arbeits- und Denkraum sein. Über hundert Arbeitsplätze entstehen in den Obergeschossen, außerdem Werkstätten, Co-Working- und Workshopräume für Forschung und Vermittlung. Bildung, Wissenschaft und Präsentation sollen sich künftig gegenseitig befruchten. „Das Schloss wird keine museale Insel“, sagt Tunkel. „Es soll das Herz der Stiftung werden – offen, durchlässig, lebendig.“
Ein Teil des Erdgeschosses bleibt künftig ohne Eintritt zugänglich. Besucher*innen können sich dort über die Geschichte des Hauses informieren, etwa im ältesten Bauteil, dem sogenannten Grünen Haus. Interaktive Stationen und ‚Befundfenster‘ lassen die architektonischen Zeitschichten sichtbar werden. Im selben Bereich entsteht ein moderner Veranstaltungssaal, der neue Formate ermöglicht und die historischen Säle entlastet.
Ein neuer Zugang über den Weg zwischen Kegelplatz und Sternbrücke öffnet das Schloss zusätzlich zum Park – eine Geste der Offenheit, die Architektur, Stadt und Natur miteinander verbindet.
Der Rundgang durchs Schloss beginnt künftig im klassizistischen Gentzschen Treppenhaus, das selbst ein Kunstwerk ist. Von dort führt der Weg in die Beletage, wo man den einstigen Bewohnern des Schlosses begegnet: Herzoginnen und Dichtern, Politikern und Künstlern. Die künftige Dauerausstellung Weimarer Klassik erzählt von den Lebenswelten der Weimarer Klassik, vom Wandel der Macht und vom Schloss als Bühne der Ideen.
Im 2. Obergeschoss entstehen Räume für Sonderausstellungen, die den Dialog zwischen Vergangenheit und Gegenwart suchen. Das Schloss soll so zum Spiegel der Stiftung werden – ein Haus, das sich ständig neu erfindet.
Bis alles vollendet ist, wird noch Zeit vergehen. Der Projektzeitraum reicht bis 2032. Doch schon vorher sollen Besucher*innen Etappenziele erleben: Am 1. Oktober 2026 eröffnet der Ostflügel mit einem großen Festakt, planmäßig 2029 dann der Nordflügel mit den Cranach-Sammlungen.
Die Dichterzimmer und die Schlosskapelle, die bereits restauriert sind, können im Rahmen von Führungen besichtigt werden. Und das Co-Labor auf dem Schlossvorplatz bleibt als temporäre Anlaufstelle bis Herbst 2026 bestehen – ein Ort des Austauschs, an dem man sehen kann, wie aus Geschichte Zukunft wächst.
Wenn die Arbeiten in einigen Jahren abgeschlossen sind, wird das Weimarer Stadtschloss nicht nur glänzen – es wird atmen, sprechen, erzählen. Es wird das Herz der Stadt schlagen lassen, ganz im Geist jener Klassik, die hier einst geboren wurde – und die nun in die Gegenwart und Zukunft weiterwirkt.
„Dieses Schloss war immer ein Ort der Ideen“, sagt Anne Tunkel. „Und das wird es wieder sein.“
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