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Ferdinand Freiligrath, gemalt von Johann Peter Hasenclever (1851)

Der Trompeter der Revolution

Provenienzforschung

Art: ArtikelAutor*in: Charlotte Rose
17.06.2026 5

Ferdinand Freiligrath war ein geachteter Lyriker, der mit anonymen Veröffentlichungen begann und später nicht nur Kommunist, sondern auch Kollege von Karl Marx wurde. Nach einer Anklage wegen Majestätsbeleidung lebte er im Exil. Im Goethe- und Schiller-Archiv sind Schriften, Briefe und andere persönliche Dokumente nach 130 Jahren nun erstmals vollständig verzeichnet.

Vor 130 Jahren und fast genau 20 Jahre nach dem Tod von Ferdinand Freiligrath am 24. Juni 1896 übergab seine Witwe Ida seinen schriftlichen Nachlass offiziell in die Obhut des Goethe- und Schiller-Archivs. Es ist wahrscheinlich ihren eigenen Weimarer Wurzeln zu verdanken, dass sie sich zur Verwahrung der Handschriften direkt an Großherzogin Sophie von Sachsen-Weimar-Eisenach wandte, die ihr als Gründerin und Vertreterin des Weimarer Literaturarchivs nur wenige Tage später mit einem persönlichen Schreiben dankte.

Ferdinand Freiligrath wurde am 17. Juni 1810 in Detmold geboren, wo er in bürgerlichen Verhältnissen aufwuchs. 1819, nur etwa zwei Jahre nach dem Tod seiner Mutter, heiratete sein Vater Klara Wilhelmine Schwollmann. Das Paar hatte drei gemeinsame Kinder zu denen er bis zum Tod ein gutes Verhältnis pflegte.

Neben zahlreichen Handschriften seiner Gedichte, die sowohl stark bearbeitete Blätter und Notizen als auch Reinschriften beinhalten, bilden vor allem die ein- und ausgegangenen Briefe den Hauptteil des Freiligrath-Bestandes. Diese sind von Freiligraths früher Jugend bis zu den letzten Tagen vor seinem Tod überliefert und erlauben Einblicke in das sehr bewegte Leben des Dichters und die engen Beziehungen, die er vor allem zu seinen Geschwistern und seiner Stiefmutter pflegte. Darüber hinaus sind auch die engen Freundschaften des Dichters und das Verhältnis zu seiner Stieftante und zwischenzeitlichen Verlobten Karoline Schwollmann anhand der Briefe ablesbar.

Die ältesten Objekte des Bestandes sind wohl die Schulhefte, die aus Freiligraths Kindheit und Jugend überliefert sind, und aus denen sich der Umfang und die Inhalte seiner schulischen Ausbildung ablesen lassen. Darüber hinaus sind Briefe erhalten, die aus Freiligraths familiärem Umfeld an Dritte verschickt wurden und Einblicke in die Beziehungen innerhalb der Familie geben.

Familienleben und Jahre im Exil

Schon während seiner Kaufmannslehre in Soest veröffentlichte Freiligrath erste Gedichte anonym in lokalen Zeitungen. Nach Abschluss der Lehre begann er seine Tätigkeit als Übersetzer für den Verlag Cotta, der 1838 seinen ersten vollständigen Gedichtband verlegte. Nach Veröffentlichung des Bandes konnte Freiligrath seinen Lebensunterhalt einige Zeit als freier Schriftsteller bestreiten. Später würde er jedoch immer wieder im kaufmännischen Bereich arbeiten, um sich und seine Familie zu versorgen.

1841 heiratete er die Weimarin Ida Melos. Aus der Ehe gingen sechs Kinder hervor, von denen fünf das Erwachsenenalter erreichten. Nach einem Aufenthalt in Darmstadt ließ sich das Paar zunächst in St. Goar nieder. Vor allem Freiligraths politisches Engagement im Vormärz und der 1848er-Revolution führte in den folgenden Jahrzehnten zu häufigen Ortswechseln, auch außerhalb Deutschlands. Nach einer Anklage wegen Majestätsbeleidigung ging Freiligrath 1844 mit seiner Familie ins Exil nach Brüssel. Von dort zog die Familie in den Folgejahren weiter in die Schweiz und schließlich nach London, wo Freiligrath eine Anstellung als Korrespondent und Professor annahm.

1848 kehrte Freiligrath mit seiner Familie ins Rheinland, genauer nach Düsseldorf, zurück, um sich aktiv am Revolutionsgeschehen beteiligen zu können, das er zuvor interessiert aus der Ferne verfolgt hatte. Vor Ort verfasste er mehrere Gedichte, die die Stimmung und Themen der Revolution aufgriffen, darunter Die Todten an die Lebendigen, Schwarz-Rot-Gold und Republik, und verstand sich dabei als ‚Trompeter der Revolution‘1. Während dieser Zeit arbeitete er außerdem mit Karl Marx und Friedrich Engels in der Redaktion der Neuen Rheinischen Zeitung, wurde Mitglied im Bund der Kommunisten und veröffentlichte zahlreiche lyrische Texte, unter anderem die zwei Bände seiner Neueren politischen und sozialen Gedichten.

Als ihm 1851 eine Anklage in den Kölner Kommunistenprozessen drohte, verließ Freiligrath erneut das Land und kehrte mit seiner Familie nach London zurück, wo er wieder als Kaufmann tätig war. Obwohl er während seines zweiten Londoner Exils die englische Staatsbürgerschaft erhielt, kehrte er mehr als 15 Jahre später mit der finanziellen Unterstützung Bekannter und Freunde in seine deutsche Heimat zurück. Da eine Niederlassung im Rheinland aus politischen Gründen nicht möglich war, wählten er und seine Frau erst Stuttgart und später das nahegelegene Cannstatt als neue Heimat. Nach längerer Erkrankung starb Freiligrath am 18. März 1876 in Gegenwart seiner Frau und seiner Schwester Gisberte.

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Kreidezeichnung von Ida Melos aus dem Jahr 1852. © Klassik Stiftung Weimar

Freiligraths Nachlass im Goethe- und Schiller Archiv

Seit seiner Ankunft im Archiv wurde der Freiligrath-Bestand in zwei Bearbeitungsstufen zunächst nur vorläufig erschlossen und verzeichnet: In der ersten Phase von 1939 bis 1940 wurde der Bestand unter der Bestandsnummer 17 soweit zuordenbar in Anlehnung an die von Julius Schwering herausgegebene Werkausgabe geordnet. Erst 1956, im Rahmen der zweiten Phase, entstand ein vorläufiges Findbuch, das auch die Neuzugänge seit 1940 führt.

In den frühen 2000er Jahren erfolgten dringend notwendige Restaurierungsarbeiten an einigen Teilen des Bestands. Im Jahr 2024 wurde der Nachlass einer vollumfänglichen Trockenreinigung und Neuverpackung unterzogen. Danach war der Nachlass bereit für eine inhaltliche Revision und Neuverzeichnung. Es galt, den Bestand nach den heute gültigen Standards zu ordnen und die Verzeichnungsangaben zu optimieren. Mit dieser Aufgabe wurde die Autorin dieses Beitrags 2025 im Rahmen ihres Volontariats betraut. Zunächst erfolgte eine gründliche Autopsie des Nachlasses, um anschließend eine Struktur aufzubauen, die den Ordnungs- und Verzeichnungsgrundsätzen des Goethe- und Schiller-Archivs entspricht.

Dabei wurden unter anderem stark vereinzelte Briefe zusammengeführt, Datensätze korrigiert oder ergänzt, und die 40 Neuerwerbungen, die bislang einfach am Ende des Bestands lagen, an den richtigen Stellen in der Bestandsstruktur eingeordnet. Als besonders hilfreich erwies sich das Ferdinand Freiligrath Briefrepertorium, das seit 2001 online verfügbar ist und durch die Lippische Landesbibliothek Detmold verwaltet wird. In dem Repertorium sind alle ermittelbaren Briefe von Freiligrath nach archivischen Grundsätzen erschlossen und mit Regesten abrufbar. Etwa 80% dieser Briefe befinden sich im Weimarer Freiligrath-Bestand. Am Ende der Bearbeitung erhielten alle Archivalieneinheiten des Nachlasses neue Signaturen, wobei sich mittels Konkordanzen die alten Signaturen trotzdem nachvollziehen lassen. Abschließend entstand ein aktualisiertes Findbuch, sodass der Freiligrath-Bestand im Goethe- und Schiller-Archiv nach nun fast 130 Jahren erstmals als vollständig verzeichnet gilt.

Quellen & Nachweise:

[1] Vgl. Joachim Eberhardt: Über die Quelle des Freiligrath-Epitheton „Trompeter der Revolution“. In: Lothar Ehrlich, Detlev Kopp (Hrsg.): Grabbe Jahrbuch 2011/12. 30./31. Jahrgang. Bielefeld 2012. S. 207-212.

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