Karl Peter Röhl, o. T. (Gipfelstürmender weiblicher Akt), 1919 © Klassik Stiftung Weimar
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Die Bauhäuslerinnen im Freundeskreis von Karl Peter Röhl
Die Rolle der Frau in der Kunst war zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch kontrovers diskutiert. Nichtsdestotrotz war das frühe Bauhaus zur Hälfte durch weibliche Studierende geprägt. Oftmals vertraten die Bauhäuslerinnen selbst sehr unterschiedliche emanzipatorische Auffassungen. Inwiefern die Grenzen ihres gleichberechtigten Tuns dabei durch sie selbst, aber auch durch ihre männlichen Kommilitonen und Partner gesetzt wurden, erläutert Ute Ackermann anhand des Freundeskreises um Karl Peter Röhl.
„Kuriose Zustände scheinen hier zu herrschen – die Schule ist voll von Studierenden, furchtbar viele Mädels darunter“, konstatierte Feininger im Mai 1919.1 Der Frauenanteil am Bauhaus belief sich im Frühjahr 1919 auf reichlich 50 Prozent. Sicher kehrten viele der Männer erst 1919 nach Krieg und Gefangenschaft nach Weimar zurück, um ihr Studium fortzusetzen. Es lässt sich jedoch nicht leugnen, dass Frauen aktiv an den Reformbestrebungen der Hochschülerschaft beteiligt waren. Entsprechend zahlreich waren sie in der Freien Vereinigung vertreten. Unter den 49 Unterzeichnenden des Gründungsaufrufs waren 32 Schülerinnen. Diesem Umstand verdanken wir einen herablassenden Kommentar von Johannes Auerbach, der über seine erste Teilnahme an einer Sitzung schrieb: „Da war, gemäß dem entsetzlichen Prozentsatz an ‚Damen‘ sehr viel Kinderei, Flachheit, Albernheit, Unlogik.“2 Obwohl Frauen in der Freien Vereinigung in der Überzahl waren, übernahmen ausschließlich Männer die führenden Funktionen. Schülerinnen engagierten sich beim Entwurf für eine Bauhaus-Siedlung. Ihre Tätigkeit wurde jedoch bis zur Eröffnung der Textilwerkstatt unter Helene Börner ausschließlich von Männern angeleitet.3
Die Statements zur Rolle der Frau in der Kunst in der Studierendenzeitschrift Der Austausch belegen, in welch unterschiedlichem Maße emanzipatorische Auffassungen von den Bauhäuslerinnen selbst vertreten wurden. Ihren Äußerungen liegen zwei wichtige weibliche Denkmuster jener Zeit zu Grunde: hier die dankbare Annahme der Möglichkeit zum Mittun, das naturgemäß zeitlich begrenzt ist und mit der Erfüllung der in ihren Augen eigentlichen Lebensaufgabe, der Mutterschaft, enden wird; dort die Selbstermächtigung, die einer Erlaubnis nicht bedarf und Kunst ganz selbstverständlich als Frauenberuf betrachtet. Die Grenzen gleichberechtigten Tuns wurden von Bauhaus-Frauen selbst gesetzt: ob sie den Beruf als biografisches Intermezzo sahen oder in einer professionellen künstlerischen Tätigkeit ihren Glücksanspruch verwirklichen wollten.4 Margarethe Oberdörffer ging in ihrer Äußerung am weitesten. Sie konstatierte: „[W]er von meinen weiblichen Kameraden die Kraft des Schaffens, des selbständig künstlerischen Arbeitens in sich fühlt, hat nicht nötig, sich im Bauhaus überflüssig vorzukommen, als mitleidig gelittenes Wesen, dem von Rechts wegen doch eigentlich weiter nichts zufällt als das gewöhnliche Schicksal einer Kuh.“5
Die bekannte Tatsache, dass es Frauen am Bauhaus schwerer hatten als Männer, schlägt sich nicht nur in der Haltung der Bauhaus-Meister ihnen gegenüber nieder. Im Freundeskreis von Röhl und Molzahn waren Frauen vor allem als Partnerinnen anwesend. Sie heirateten Kommilitonen oder waren zumindest zu dieser Zeit mit einem Bauhaus-Schüler liiert.
Ilse Schwollmann hatte in Hannover als Referentin für Jugendfürsorge gearbeitet und 1918 ihre schriftstellerische Arbeit begonnen. Ihre erste Begegnung mit der Gruppe um Molzahn und Röhl schildert sie anschaulich. „Vor den Augen des noch ganz in den Traditionen festgefügten Bürgertums erzogenen jungen Mädchens brach eine Welt zusammen.“6 Noch 1919 heirateten sie und Molzahn, was ihre eigenständige Karriere vorerst beendete. Rückblickend schrieb sie: „Der Ehe mit Molzahn verdanke ich meine maßgebliche Erziehung. Zunächst freilich, was meine schriftstellerischen Versuche an-belangte, auf negative Art. Johannes Molzahn hielt nichts von schreibenden, noch sonstwie künstlerisch sich betätigenden Frauen. Er nannte sie entartet. So sehr er auch sonst, durch seine Bilder, bestrebt war, die Welt zu verändern: der Frauen Aufgabe und Sinn ruhte bei ihm ganz in patriarchalischen Vorstellungen. Er gab ihnen einen hohen Rang, was mir einleuchtete, aber in der sog. Gleichberechtigung sah er nur eine Minderung ihrer eigentlichen Bestimmung. Seinem Wunsch entsprechend, gab ich meine schriftstellerischen Versuche auf und widmete mich ganz den Aufgaben einer Frau und Mutter. Und das war gut so.“7
Das programmatische Bekenntnis zur Gleichberechtigung am Bauhaus war von einer patriarchalen Position ausgesprochen worden. Frauen, die sich dieses Recht nicht erteilen ließen, sondern sich nahmen, hatten es auch am Bauhaus schwer. Solche Versuche parierte man mit der Zähmung der Schülerinnen durch traditionelle Geschlechterrollen.
Röhl war dabei keine Ausnahme. Unmittelbar nach seiner Heirat meldete er seine Frau mit knappen Worten vom Bauhaus ab. In der Schülerakte von Alexandra Gutzeit ist sein Schreiben erhalten, in dem er erklärt: „Ich bitte meine Frau Alexandra Röhl aus der Liste des Staatl. Bauhaus zu streichen ab 1.20 da meine Frau vorläufig kaum Kraft zu weiterer Arbeit in künstlerischen Dingen hat und sich ganz dem Haushalt widmet.“8
Das Ehepaar ging ab 1925 getrennte Wege. Nach ihrer Scheidung 1925 begann Alexandra Röhl eine Schneiderlehre, die sie mit der Meisterprüfung abschloss. Sie eröffnete ein Modeatelier am Kurfürstendamm, Berlins bester Geschäftslage.9
Ilse Molzahn wurde nach der Entlassung ihres Mannes aus dem Lehrdienst 1932 zur Alleinversorgerin der vierköpfigen Familie. Die notwendigen Mittel verdiente sie als erfolgreiche Schriftstellerin und Journalistin.10 Auch Ella Bergmann-Michel, Dörte Helm und Toni Schrammen gelang es, sich als eigenständige Künstlerinnen zu profilieren.11
Alexandra Röhl mit Sohn Tülö, um 1921, Foto: Unbekannt © Karl Peter Röhl Stiftung
1 Feininger an Julia Feininger, 23.5.1919. Zit. nach: »Sweetheart, es ist alle Tage Sturm« Lyonel Feininger. Briefe an Julia 1905–1935. Hg. v. Ines Burdow und Andreas Hüneke. Berlin 2021, S. 112.
2 Auerbach an seine Mutter, 5.2.1919. Zit. nach: Johannes Ilmari Auerbach: Eine Autobiographie in Briefen. Hg. v. Renate Heuer und Frank Kind. Bad Soden 1989, S. 83.
3 Die Arbeitsgruppe zum Siedlungsentwurf wurde von Walter Determann angeleitet, der zwar Meisterschüler war, aber wie seine Kommilitoninnen auch über keinerlei architektonische Entwurfserfahrung verfügte.
4 Vgl. Brachmann: Echo von Gropius’ Antrittsrede. Der Austausch. Zeitschrift der Studierenden des Staatlichen Bauhauses Weimar, Juni 1919, S. 2, und Erwiderungen verschiedener Autorinnen. Ebd., S. 6.
5 Oberdörffer: Erwiderung an Käthe Brachmann. Ebd.
6 Zit. nach Christian Gries: Zwischen den Polen – Früher Expressionismus in Weimar. In: Cornelia Nowack, Kai Uwe Schierz u.a. (Hg.): Expressionismus in Thüringen. Facetten eines kulturellen Aufbruchs. Ausst.-Kat. Erfurt 1999, S. 44–51, hier S. 77. Ilse Schwollmann und Johannes Molzahn heirateten 1919.
7 Ilse Molzahn: Was ich bin. In: Die Künstlergilde. Esslingen, 1978, S. 15–17, hier S. 16.
8 Röhl, Abmeldung von Alexandra Röhl vom Bauhaus, undatiert, wohl Ende 1919. LATh – HStA Weimar, Staatliches Bauhaus Weimar 152, Bl. 154.
9 Das Atelier wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört Ab 1951 begann Alexandra Röhl eine zweite Karriere als Schriftstellerin.
10 In den späten 1920er Jahren hatte sie ihre schriftstellerische Tätigkeit wieder aufgenommen und verfasste Artikel unter anderem für die Vossische Zeitung sowie Hörspiele, Erzählungen und Gedichte. Als ihr Mann 1938 in die USA emigrierte, blieb sie mit ihren Söhnen in Deutschland. Vgl. Thomas Ehrsam: Vorbemerkung zu Ilse Molzahn: »Weil mir alle Bücher und die ganze Vergangenheit verbrannt ist«. Briefwechsel mit Hans Erich Nossack 1946/47. In: Sinn und Form 77 (2025), H. 3, S. 293–297.
11 Dörte Helm und Ella Bergmann-Michel wurden in zahlreichen Ausstellungen und Publikationen gewürdigt. Leider wurde Alexandra Röhls Werk nur regional zur Kenntnis genommen.
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