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Die ‚Ildefonso-Gruppe‘ im Treppenhaus von Goethes Wohnhaus.

Goethes ‚kostbare Reste‘ ziehen aus

Die Restaurierung der ‚Ildefonso-Gruppe‘

Art: ArtikelAutor*in: Ira Klinkenbusch
08.07.2026 5

Zwei Jünglinge in freundschaftlicher Umarmung begrüßten bis vor kurzem auf dem obersten Treppenabsatz in Goethes Wohnhaus die Besucher und Besucherinnen. Es handelt sich dabei um eine Kopie der antiken ‚Ildefonso-Gruppe‘, die nach ihrem früheren Aufstellungsort in einem spanischen Schlosspark benannt ist. Warum sie nun vorübergehend ihren Platz verlassen hat, was Restaurator*innen an ihr entdecken konnten und was Goethe an dieser Figurengruppe faszinierte.

Das Original der ‚Ildefonso-Gruppe‘ aus Marmor wurde erstmals 1623 in Rom dokumentiert und ist heute im Museo del Prado in Madrid ausgestellt. Die berühmte Skulpturengruppe hat seitdem unterschiedlichste Deutungen inspiriert: Den einen galten die beiden Jünglinge als Verkörperungen von Schlaf und Tod, anderen als die Freunde Orest und Pylades oder als das Zwillingspaar aus der griechischen und römischen Mythologie, Kastor und Polydeukes bzw. Castor und Pollux. Dieser Deutung folgte auch Goethe. Wichtiger als die inhaltliche Bedeutung war ihm aber etwas anderes: Er erkannte, dass es sich bei der Gruppe um eine Neuschöpfung aus römischer Zeit handelt, die verschiedene griechische Statuentypen zu einem harmonischen Ganzen zusammenbringt, oder, wie Goethe 1812 an seinen Freund und Kunstberater Johann Heinrich Meyer schrieb, „auf die glücklichste Weise kontrastiert und vereinigt."1

Meyer und Goethe erkannten als Vorbilder für die beiden Jünglinge Arbeiten der griechischen Bildhauer Polyklet und Praxiteles. Die beiden Bildhauer lassen sich unterschiedlichen Stilrichtungen zuordnen: Polyklet war während der Blütezeit der griechischen Klassik zur Mitte des 5. Jh. aktiv und vertrat ein symmetrisch orientiertes, ausgewogenes Körperideal, während Praxiteles der Spätklassik nach 400 v. Chr. angehörte. Seine Statuen zeichnen sich durch geschwungene und zartere Formen aus. In der ‚Ildefonso-Gruppe‘ erkannte vor allem Meyer diese kontrastierenden Körperhaltungen: Der rechts eher statisch stehende Jüngling lässt sich mit berühmten Statuen Polyklets in Verbindung bringen, der sich anlehnende Jüngling insbesondere mit einer Apollonstatue des Praxiteles.

Bereits 1769, also noch vor seinem Umzug nach Weimar, hatte Goethe einen Gipsabguss der Gruppe im Antikensaal in Mannheim gesehen. Im 1812 bis 1813 entstandenen dritten Teil seiner Autobiografie Dichtung und Wahrheit erinnert Goethe sich: „... besonders aber hatte ich der Gruppe von Kastor und Pollux, diesen kostbaren, obgleich problematischen Resten, die seligsten Augenblicke zu danken.“2

Die Begeisterung Goethes und seiner Zeitgenossen für diese ‚kostbaren Reste‘ zeigt sich auch daran, dass neben dem Abguss in Goethes Wohnhaus die Gruppe noch an zwei weiteren Orten in Weimar zu finden ist: Als Ofenaufsatz im Festsaal des Stadtschlosses sowie auf einem Brunnen, der sich heute nahe dem Studienzentrum der Herzogin Anna Amalia Bibliothek befindet.

Der Abguss in Goethes Treppenhaus stammt vermutlich aus der Werkstatt des Weimarer Hofbildhauers Martin Gottlieb Klauer, wie ein Eintrag in dessen Verkaufskatalog von 1792 nahelegt. Auch weitere Plastiken im Treppenhaus lassen sich Abbildungen aus Klauers Katalogen zuordnen, so z.B. die in Wandnischen stehenden Abgüsse des sogenannten ‚Betenden Knaben‘ und des ‚Bockstragenden Faun‘ im unteren Treppenhaus.

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Weitere bronzierte Plastiken im unteren Treppenhaus

Zunächst waren diese ganzfigurigen Plastiken mit einer hellen Schellackschicht überzogen. 1816 jedoch wurden sie einer Oberflächenbehandlung unterzogen, die sie höherwertig aussehen ließ. Eine Rechnung des Weimarer Malermeisters Johann Wilhelm Wahnes vom 12. September 1816, die heute im Goethe- und Schiller-Archiv verwahrt wird, belegt, dass die Figuren damals „brungsirt“, also bronziert wurden. Die Rechnung informiert zudem über das Aussehen des Postaments, auf dem die Gruppe aufgestellt ist: Wahnes gibt hier an, eine Marmorierung vorgenommen zu haben. In diesem Fall findet demnach eine visuelle Aufwertung des hölzernen Sockels zum kostbareren Marmor hin statt.

Goethes Motivation für diese Oberflächenveredlung lässt sich heute nicht vollständig rekonstruieren; nur eine der Plastiken, der sogenannte ‚Betende Jüngling‘, ist im Original aus Bronze. Sicher ist aber, dass die bronzierten Gipse den Raumeindruck des Treppenhauses prägten, wie zahlreiche Besucherberichte vermerkten. So erinnert sich der Wissenschaftler und Maler Carl Gustav Carus an die „Gruppe der Dioskuren“3, die er 1821 auf dem oberen Treppenabsatz gesehen habe, und der französische Bildhauer Pierre-Jean David d’Angers benennt sie 1829 als Castor und Pollux, „peint en bronze“4.

Die ‚Ildefonso-Gruppe‘ verließ ihren Platz am oberen Treppenabsatz, auf dem sie nachweislich seit 1812 stand, auch nach Goethes Tod 1832 nicht. Während seine Schwiegertochter Ottilie von Goethe und seine Enkel das Haus weiter bewohnten und es teilweise vermieteten, blieb sie an ihrem Ort. Auch nach der Eröffnung des Hauses als Museum 1886 hatte sie ihren Platz neben dem in den Boden eingelassenen Schriftzug SALVE.

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Das obere Treppenhaus nach Eröffnung des Wohnhauses als Museum 1886. Aufnahme Louis Held.

Der Zweite Weltkrieg veranlasste den Auszug der ‚Ildefonso-Gruppe‘. Nach und nach wurden seit 1942 das Goethe-Nationalmuseum und Goethes Wohnhaus ausgeräumt; Kunstobjekte und Möbel wurden an verschiedenen Orten eingelagert. Teilweise wurden Bestände aus dem Haus in Kisten transportiert, die Häftlinge im Konzentrationslager Buchenwald anfertigen mussten. Kurz vor Kriegsende, am 9. Februar 1945, wurde Goethes Wohnhaus bei einem Bombenabwurf beschädigt und teilzerstört. Die Zerstörung betraf auch einen Teil des Treppenhauses. Erst 1949 kehrte die ‚Ildefonso-Gruppe‘ wieder an ihren Platz zurück, als Goethes Wohnhaus nach umfassenden Baumaßnahmen im Juni der Öffentlichkeit übergeben wurde.

Doch an der ‚Ildefonso-Gruppe‘ ist die Zeit nicht spurlos vorübergegangen. In der Museumszeit wurde sie mehrmals überarbeitet, insbesondere ihre Oberflächenfassung. Restauratorische Untersuchungen konnten 2012 unter dem heutigen schwarzen Anstrich die ursprüngliche Bronzierung von 1816 nachweisen. Gleichzeitig gaben die Untersuchungen Hinweise auf die Herkunft der Plastik: Gut sichtbare Gussnähte unter den Farbschichten weisen darauf hin, dass es sich bei Goethes Abguss um ein Gussmodell gehandelt haben könnte, das er aus Klauers Werkstatt übernommen hat.

Im Juni 2026 wurde die Gruppe von ihrem angestammten Platz im oberen Treppenhaus für Restaurierungsarbeiten entnommen. Diese Maßnahme ist Teil der denkmalgerechten Instandsetzung mit funktionaler und musealer Überarbeitung des Ensembles Goethe-Wohnhaus. Ab dem 02. November 2026 wird das Haus für die Instandsetzung geschlossen und voraussichtlich 2029 wieder eröffnet.

Ein wesentliches Ziel der musealen Neukonzeption des Goethe-Wohnhauses ist es, näher an den dokumentierten Zustand des Hauses zur Goethezeit zu gelangen. Einrichtung und Gestaltung des großen Treppenhauses sind gut überliefert – durch historische Handwerkerrechnungen, Briefe und Tagebucheinträge sowie aktuelle baurestauratorische Untersuchungen. Damit das Treppenhaus wieder in goethezeitlicher Optik erstrahlen kann, wird bei der Instandsetzung der ‚Ildefonso-Gruppe‘ auch ihre ursprüngliche Oberflächenfassung hergestellt werden.

Auswahlbibliografie

  • Aurelia Badde und Frank Mucha: Untersuchungen an Fassungsabfolgen auf Gipsplastiken aus dem Kontext von Goethes Wohnhaus, Typoskript, Weimar 2012.

  • Christian Hecht: Goethes Haus am Weimarer Frauenplan. Fassade und Bildprogramme. München 2020.

  • Christiane Holm: Goethes Gipse. Präsentations- und Betrachtungsweisen von Antikenabgüssen im Weimarer Wohnhaus, in: Charlotte Schreiter (Hg.): Gipsabgüsse und antike Skulpturen: Präsentation und Kontext. Berlin 2012.

  • Paul Kahl (Hg.): Goethehaus und Goethe-Museum im 20. Jahrhundert. Dokumente. Göttingen 2019.

Fußnoten

1 Johann Wolfgang von Goethe an Johann Heinrich Meyer, 10.11.1812, in: Ders.: Goethes Werke. Hg. im Auftrage der Großherzogin Sophie von Sachsen. Weimar 1900. IV. Abteilung: Briefe, Bd. 23, S. 129.

2 Johann Wolfgang von Goethe: Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit. Dritter Teil, Elftes Buch, in: Ders.: Goethes Werke. Hg. im Auftrage der Großherzogin Sophie von Sachsen. Weimar 1900. I. Abteilung: Werke, Bd. 28, S. 87.

3 Carl Gustav Carus: Göthe. Zu dessen näherem Verständnis. Leipzig 1843, S. 11.

4 Pierre Jean David d'Angers: Tagebuch vom 23. August bis 9. September 1829, in: Les carnets de David d'Angers. Publiés pour la première fois intégralement, avec une introd. par André Bruel. Paris 1958, S. 46.

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1:

1 Johann Wolfgang von Goethe an Johann Heinrich Meyer, 10.11.1812, in: Ders.: Goethes Werke. Hg. im Auftrage der Großherzogin Sophie von Sachsen. Weimar 1900. IV. Abteilung: Briefe, Bd. 23, S. 129.

2 Johann Wolfgang von Goethe: Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit. Dritter Teil, Elftes Buch, in: Ders.: Goethes Werke. Hg. im Auftrage der Großherzogin Sophie von Sachsen. Weimar 1900. I. Abteilung: Werke, Bd. 28, S. 87.

3 Carl Gustav Carus: Göthe. Zu dessen näherem Verständnis. Leipzig 1843, S. 11.

4 Pierre Jean David d'Angers: Tagebuch vom 23. August bis 9. September 1829, in: Les carnets de David d'Angers. Publiés pour la première fois intégralement, avec une introd. par André Bruel. Paris 1958, S. 46.