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Ferdinand Freiligrath, Radierung von Carl August Schwerdgeburth nach einer Zeichnung von Johann Heinrich Schramm (1841). KSA Gr-2006/1680

Briefe, Listen und Fragmente

Fundstücke aus dem Freiligrath-Bestand

Art: ArtikelAutor*in: Charlotte Rose
19.08.2026 5

Zwischen innigen Geburtstagsgrüßen, Arbeitsdokumenten und jahrzehntelang falsch eingeordneten Manuskripten eröffnet sich ein überraschend persönlicher Blick auf die Familie Freiligrath und die kreative Arbeitsweise des Dichters. Die Briefe an seine Geschwister erzählen nicht nur von enger familiärer Verbundenheit, sondern auch von kleinen Gesten des Alltags – bis hin zu einem rätselhaften Blatt, dessen Rätsel erst durch einen Zufallsfund im Goethe- und Schiller-Archiv gelöst werden konnte.

Die Briefe, die Ferdinand Freiligrath an seine Schwestern Karoline und Gisberte schickte, bilden zwei der umfangreichsten überlieferten Einheiten innerhalb des Freiligrath-Bestands im Goethe- und Schiller-Archiv. Das liegt nicht nur an der Länge der einzelnen Briefe, sondern auch an der Dauer und Dichte der Briefwechsel, was einer der zentralen Hinweise auf engen Beziehungen innerhalb der Familie Freiligraths ist. Doch auch die Inhalte der Briefe und mitgesandte Beilagen zeugen von dem guten Verhältnis zwischen den Geschwistern. Gelegentlich wurden Nachrichten, Grußbotschaften oder Beilagen, die an andere Familienmitglieder weitergegeben werden sollten, mitgeschickt.

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<p>Anlagen zum Brief Ferdinand Freiligraths an Gisberte Freiligrath vom 21.3.1860: Geburtstagskarte und Bild von Otto Freiligrath, GSA 17/197,1</p>

Anlagen zum Brief Ferdinand Freiligraths an Gisberte Freiligrath vom 21.3.1860: Geburtstagskarte und Bild von Otto Freiligrath, GSA 17/197,1

Eine besondere Beilage wurde mit dem Brief zu Gisberte Freiligraths 34. Geburtstag im März 1860 verschickt: Ihr damals zehnjähriger Neffe Otto schickte ihr neben einer kleinen Karte auch eine Zeichnung und ein selbstgesticktes Lesezeichen „aus seiner eigend Schneiderwerkstatt“ 1, wobei leider nur noch Teile der Sendung erhalten sind.

„A Book-Marker for Aunt Gisberta’s Birthday made and presented by her old friend Karl Otto Freiligrath with his best wishes for many happy returns.“

Auch in den Briefwechseln an seine Schwester Karoline und seine Stiefmutter finden sich gerade zu Geburtstagen Hinweise auf mitgeschickte Grußnachrichten der Kinder, die jedoch leider nicht in Freiligraths Nachlass überliefert sind. Zum 39. Geburtstag von Karoline Freiligrath im Jahr 1860 gab Otto seinem Vater, nachdem der Brief mit Geburtstagswünschen und Beigaben „eben in den Kasten geworfen“ war, eine „heute Morgen speciell für Dich gefertigte Gratulationskarte“2, die noch am selben Tag hinterhergeschickt wurde. In späteren Jahren wandten sich Freiligraths Kinder auch vermehrt direkt an ihre Tanten und Großmutter.

Gedicht oder Übersetzung? Ein mysteriöses Blatt

Bei diesem Blatt handelt es sich um ein Fragment seiner Übersetzung von Letitia Elizabeth Landons Die alte Zeit. Es ist eines der Objekte, die nach 1956 als Neuerwerbung in den Bestand gelangten und während der Bearbeitung des Bestands 2025 in die bestehende Bestandsstruktur eingeordnet wurden. Während dieser Vorgang in der Regel ein recht geradliniger ist, da Neuerwerbungen schon bei Ankunft im Archiv grundlegend erschlossen und verzeichnet werden, gestaltete sich der Prozess bei diesem Blatt als schwieriger: Das Blatt war zunächst nicht als Übersetzung verzeichnet worden, sondern als ein eigenes Gedicht mit dem Titel „Wann wird mein Herz“, der sich aus der ersten Zeile der Handschrift ergab.

Diese Fehleinschätzung erschwerte die Einordnung des Blattes in die Reihe der anderen Werkhandschriften, da kein Gedicht mit diesem Titel in Freiligraths Werk gefunden werden konnte. Auch der Abgleich des Textes mit den bekannten Gedichten führte zu keinem Ergebnis. Dass es sich überhaupt um eine Freiligrath-Handschrift handelt, belegte zu diesem Zeitpunkt allein die Notiz von Ida Freiligrath auf der Rückseite, die ihre Echtheit bestätigt:

„Die Echtheit dieser Freiligrath’schen Handschrift bestätigt Ida Freiligrath geb. Melos. Cannstatt den 16ten April 1878."

Die Datierung und die Notwendigkeit einer Echtheitsbestätigung führten zu einem Brief, der bereits zur Recherche der Bestandsgeschichte aus dem Institutsarchiv herangezogen worden war. Aus dem auf denselben Tag datierten Brief wird ersichtlich, dass Ida Freiligrath ebendieses Blatt einem Autographensammler übereignet hatte. Aus dem Begleitschreiben geht vor allem der Inhalt der Handschrift hervor, sodass der Fall um das mysteriöse Gedicht gelöst werden konnte: Bei der Handschrift handelt es sich, so heißt es in dem Brief, um ein „Brouillon einer Uebersetzung nach Laetitia Elisabeth Landon, ‚die alte Zeit!‘“, genauer den letzten Vers. Dank dieses Zufallsfundes, gelang es schließlich, das Blatt nicht nur richtig zu verzeichnen, sondern es in einem zweiten Schritt auch an der richtigen Stelle im Bestand einzuordnen.

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Fragment der Übersetzung von Letitia Elizabeth Landons Die alte Zeit, auf der Rückseite Echtheitsbestätigung von Ida Freiligrath, GSA 17/35.

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Brief Ida Freiligraths an einen nicht benannten Empfänger vom 16.4.1878, der mit der Übersetzung mitgeschickt wurde, GSA 150/A 204.

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Inhaltsverzeichnis einer Sammelausgabe mit Gedichten und Übersetzungen Freiligraths, GSA 17/22.

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Titelliste zu Gedichten Ferdinand Freiligraths, mit Jahresangaben und Erledigungsstrichen, GSA 17/23.

Freiligrath war auch an der Gestaltung seiner Gedichte und Übersetzungen beteiligt

Neben Werkhandschriften und den zahlreihen Briefen beinhaltet der Freiligrath-Bestand des Goethe- und Schiller-Archivs auch einige Blätter, die Freiligraths Arbeitsweise jenseits seines kreativen Schaffens abbilden.

Titellisten und unterschiedlich detaillierte Inhaltsverzeichnisse zeigen, dass Freiligrath nach Fertigstellung der Texte durchaus auch an der Gestaltung der Ausgaben, in denen seine Gedichte und Übersetzungen erschienen, beteiligt war. In welchem Kontext und in welcher Arbeitsphase diese Notizen genau entstanden sind, lässt sich aus heutiger Sicht zwar nicht mehr zweifelsfrei nachvollziehen, jedoch legt die Zuordnung von Band- und Seitenzahlen zu einzelnen Geschichten und Übersetzungen nahe, dass er die Verteilung seiner Texte in ein- und mehrbändigen Ausgaben, und womöglich in Absprache mit seinen Verlegern, dokumentierte.

Auch die Veröffentlichung einzelner Gedichte hielt Freiligrath augenscheinlich gesondert fest. Auf Listen, die die Titel einiger seiner früheren Gedichte führen, sind einzelne Titel mit Erledigungsstrichen abgezeichnet oder mit Jahreszahlen versehen, die wohl ihr Erscheinungsjahr angeben. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass auch diese Listen eine Rolle bei der Vorbereitung einer größeren Sammelausgabe gespielt haben und nicht nur der reinen Dokumentation dienten.

Das überlieferte Buch der ein- und ausgegangenen Briefe von 1873 bis 1875 hat Freiligrath dagegen über Jahre gepflegt, vielleicht ein Überbleibsel aus seiner Lehre und Tätigkeit als Kontorist. Obwohl nur eines im Bestand des Archivs überliefert ist, ist es nicht unwahrscheinlich, dass es auch vor 1873 weitere solcher Bücher gab, in denen er seine private und geschäftliche Korrespondenz fortlaufend dokumentierte.

In zwei Spalten, links die eingegangenen „Von“-Briefe und recht die ausgegangenen „An“-Briefe, notierte Freiligrath mit Datumangabe seinen Briefverkehr unter anderem mit seinen Freunden, Verwandten und Verlegern. Beantwortete Briefe markierte er mit Erledigungsstrichen in roter Tinte. Nicht nur die Briefwechsel, sondern auch Freiligraths Reisewege lassen sich anhand des Briefbuchs teilweise nachvollziehen. Ende August 1873 vermerkte er beispielsweise in der linken Spalte den Hinweis „Unterwegs“ gefolgt von einer Lücke bis zum 3. September. Die Überschrift der Doppelseite verrät, dass sich Freiligrath in dieser Zeit in London aufhielt, wo er keine Briefe empfing. Analog dazu kann in der rechten Spalte abgelesen werden, dass am 29. August vor allem „Karten“ verschickt wurden, statt normaler Briefe. Auch seine Rückkehr wird im Briefbuch mit dem Spaltenvermerk „Stuttgart“, beziehungsweise auf der nächsten Doppelseite mit der Überschrift „Wieder in Stuttgart", dokumentiert.

Bei der Bearbeitung des Bestands erwies sich das Briefbuch vor allem deshalb als besonders wertvoll, da sich damit Briefe aus diesem Zeitraum mit Datumsangabe aber ohne Unterschrift einem Absender zuordnen ließen.

Der Freiligrath-Bestand im Goethe- und Schiller-Archiv

Der Freiligrath-Bestand, der im Goethe- und Schiller-Archiv unter der Nummer 17 läuft, beinhaltet einen großen Teil der von dem Dichter Ferdinand Freiligrath (1810-1876) überlieferten Handschriften, Briefe und persönlichen Dokumenten. Der Nachlass gelangte vor allem durch Schenkungen von Freiligraths Witwe, Ida Freiligrath, und von seiner Familie zwischen 1896 und 1912 in das Goethe- und Schiller-Archiv und wurde seitdem immer wieder um einzelne Stücke erweitert. Im Sommer 2025 wurde der Bestand neu geordnet und es wurde ein aktuelles Findbuch erstellt, sodass er nun als vollständig verzeichnet gilt.

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1 GSA 17/197,1 Brief 21.3.1860

2 GSA 17/197,1 Brief 21.3.1860

3 GSA 17/200,1, Brief 28.12.1860

4 GSA 17/35

5 GSA 150/A 204, Brief 16.4.1878