<p>Oscar Levy © Villa Luisenquelle</p>

Oscar Levy © Villa Luisenquelle

Oscar Levy und die Einführung Nietzsches in England

Le Nietzschéanisme, c’est moi (Teil I)

Art: ArtikelAutor*in: Leila Kais
30.06.2026 9

Zwischen Galanterie, Renitenz und Unverblümtheit macht Oscar Levy den Philosophen Friedrich Nietzsche in England zur intellektuellen Sensation. In einer Epoche voller Umbrüche begegneten die Engländer den Werken jedoch zuerst mit Höflichkeit, dann mit Schrecken.

In der absolutistischen Manier des Sonnenkönigs Ludwig XIV. hat Oscar Levy, legibus solutus, Friedrich Nietzsche in England eingeführt. Der 1867 in Pommern geborene Jude hatte Deutschland mit 25 Jahren verlassen und zuerst als Schiffsarzt die Welt bereist, kurz in Wien gearbeitet, später in Paris und schließlich in London. Erst dort las er Nietzsche. Eine englische Nietzsche-Ausgabe war 1894 von Thomas Common angeregt worden1, und tatsächlich erschienen daraufhin bis 1903 vier Bände unter der Herausgeberschaft des Sozialdarwinisten Alexander Tille. Aber der Verlag ging bankrott, und die Edition kam zum Stillstand. Drei Jahre später lernten Levy und Common einander kennen. Levy erfuhr von den Schwierigkeiten im Zusammenhang mit der Nietzsche-Ausgabe und machte sich ans Werk. Er fädelte mit Elisabeth Förster-Nietzsche, der Schwester des Philosophen und Herrin des Weimarer Nietzsche-Archivs, einen Vertrag ein, der ihm alle Freiheiten überließ und alle Risiken übertrug. Dann sammelte er Übersetzer um sich wie ein Feldherr seine Söldner, und von 1909 bis 1913 entstand in 18 Bänden die noch bis heute umfassendste englischsprachige Ausgabe der Werke Friedrich Nietzsches. Levy hatte sie auf eigene Faust finanziert, organisiert, lektoriert, öffentlich avisiert, expliziert und für sie plädiert.

Von seinen Mitarbeitern hatte er nicht nur Deutschkenntnisse verlangt, sondern vor allem „a certain enthusiasm for the startling ideas of the original, as well as considerable feeling for poetry, and that highest form of it: religious poetry. Such a combination—a biblical mind, yet one open to new thoughts, was not easily found.“2 Mit anderen Worten, sie sollten Schösslinge seiner selbst sein. Und trotzdem hatte Levy, wie er einmal seinem Bruder gestand, „die unbändigste Mühe […], sie mit Geld und guten Worten bei der Fahne zu halten. Wenn es jemals ein Unternehmen gegeben hat, das nur auf zwei Schultern geruht hat, so ist es dieses gewesen: Der selige Atlas hat sicher an seinem Himmelsgewölbe nicht so schwer zu tragen gehabt, wie ich an dieser Ausgabe. Ohne mich wäre also Nietzsche nie in die Welt hinausposaunt worden […]. Ich wollte dem Publikum gegenüber die Stärke unserer Partei übertreiben, ich wollte die traurige Wahrheit verschleiern, dass le Nietzschéanisme, c’est moi.“3

<p>© Villa Luisenquelle</p>

© Villa Luisenquelle

Oscar Levy atmete Auflehnung und Einspruch gegen die herrschende Weltordnung

Die britische Öffentlichkeit quittierte die englische Nietzsche-Ausgabe anfangs mit höflicher Arglosigkeit,4 dann mit Fehlurteilen, später Euphorie und schließlich mit Schrecken. Die Nervosität der Zeit kondensierte an der Philosophie Nietzsches. An ihr schlugen sich Ängste, Utopien, Feindbilder und Auflösungserscheinungen nieder. Levy parierte die Höflichkeit mit Provokation und die Missverständnisse mit Berichtigungen, garniert mit Belustigungen. Er war ein Dandy, nur gewissermaßen ‚preußischer‘. „Jugendlich-schlank wie eine Tanne“, so beschrieb ihn der österreichische Anglizist und Literaturhistoriker Leon Kellner, „tadellos gekleidet, mühelos-elegant; ein mageres, glattrasiertes Gesicht; kluge, etwas spöttische Augen; ein beredter, meist lächelnder Mann. Er sprach nicht oft und nie lang, warf aber gern ein Wort in das Gespräch. Die Wohlerzogenheit ebenso ausgesucht wie seine Eleganz. Dieser Weltmann, den ein Fremder für einen französischen Attaché hätte halten können, entwickelte nie zusammenhängende Ansichten, aber er atmete förmlich Auflehnung und Einspruch gegen die herrschende Weltordnung.“5 [Abb. 02] Nicht Unvermögen war dieses ‚nie zusammenhängende Ansichten entwickeln, aber Auflehnung atmen‘, sondern Levys Verkehrsform. Er war ein Exilant par excellence, trieb abseits der Gestade aller kulturellen, politischen und völkischen Vaterländer. Weit und breit sah sein Auge keine statischen und stabilen Gebilde, sondern historische Diskontinuitäten, Brüche und immer wieder neu sich zusammenfügende, neu sich maskierende Ordnungsprinzipien.

Darin war er mit seinem Freund Norman Douglas im Bunde, der einem Kapitel in seinem 1925 erschienenen Buch Experiments den Titel „Intellectual Nomadism“6 gab. Dort schrieb er von ganzen Gemeinschaften in Algerien, die die Steppe durchwandern von Ort zu Ort, nirgends verweilen und jeden Sinn verlieren für Heim und Dorf. Der Nomade, so Douglas, besitze „goût de l’espace“ und eine „volupté profonde de la vie errante“.7 Diese ‚Lust am Raum‘ und die ‚tiefe Sinnenfreude am ruhelosen Leben‘ kennzeichneten auch den staatenlosen Levy. Er war im Leben wie im Schreiben ein Vorzeigestück des Poststrukturalismus avant la lettre. Während sich das Europa um ihn herum in verhärtete Lager teilte, schuf er figurative wie fassbare Fluchtwege und kam so dem Nietzsche-Wort nach: „Du sollst, um die Wahrheit sagen zu können, das Exil vorziehen.“8 Diese exzentrische Überschreitung der herkömmlichen kulturellen Kategorien bot ihm die Möglichkeit, sie von einer übergeordneten Ebene aus zu bestaunen, wie man ein Fliegenglas bestaunt, in dem die Insekten sich an unsichtbaren Wänden zu Tode mühen. [Abb. 03]


<p>© Norman Douglas Forschungsstelle</p>

© Norman Douglas Forschungsstelle

Die Texte eines solch Abseitigen können nicht gelesen werden wie andere. – Man liest die Schriften nomadischer Denker nicht des Erkenntnisgewinns, noch ihrer Ästhetik wegen, schrieb der paganistische homme du monde Douglas. „Their writings are […] human documents […] that disclose the rainbow-tinted world as it filters through the medium of a single candid intelligence.“9 Dieser Perspektivismus kann „nicht, wie etwa Chemie, Mechanik und Bakteriologie, erlernt werden“,10 ergänzte Levy. Er durchquert ehemals gegeneinander abgegrenzte Diskursräume oder Epochen und schafft Verbindungen, ohne sie jeweils systematisch herzuleiten. Was meinte Nietzsche anderes, als er rief: „Auch die moralische Erde ist rund! […] Auf die Schiffe, ihr Philosophen!“11 Über Levy ist geflucht worden, die Geschichte sei ihm „nur ein Steinbruch, aus dem er sich einzelne Brocken herausbricht und neu zusammensetzt“.12 Für sesshafte Denker sind philosophische Seefahrer wie er voll von Mängeln. Aber sie verknüpfen auf unbefestigten Wegen Punkte miteinander, wie der Liebesgott seine Pfeile aussendet: mit Lust, aber ohne logischen Zwang. „For a mental state such as theirs, appetency rather than instability is the right word.“13

Ein Skeptiker mit Freude an der Provokation

Mit dieser Appetenz pflückte Levy sich auch die Charaktere, mit denen er sich umgab. Entscheidend für die Einführung Nietzsches in England war seine Verbindung zu dem Schullehrer Alfred Richard Orage (1873–1934), der ab 1907 in London die Zeitschrift The New Age herausgab, „a journal which has still not received the attention it deserves for its role in promoting modernism in English literature“,14 wie der Historiker Dan Stone feststellt. [Abb. 04, Abb. 05] Unter der Leitung von Orage entwickelte sich das mit der expressionistischen Berliner Zeitschrift Der Sturm vergleichbare Blatt zu einem schillernden Kampfplatz der Utopien. Sein Biograph nannte sie ein „scintillating, trumpeting tournament of literary wits“.15 Levy war es, der die Zeitschrift nicht nur finanziell über Wasser hielt, sondern auch ihre intellektuelle Entwicklung durch seine Nietzsche-Beiträge stimulierte. Außerdem führte er ihr immerfort neue Autoren zu, die er aus seinem eigenen Zirkel rekrutierte.

<p>Jackson, Ernest F. (1872–1945): <em>Portrait of Alfred Orage</em>, Bleistift und Aquarell auf Papier, Leeds Museums and Galleries (Leeds Art Gallery), Leeds (UK) und <em>The New Age: A Weekly Review of Politics, Literature and Art</em> war eine britische Wochenzeitschrift (1894–1938), die von 1907 to 1922 von Alfred Orage herausgegeben wurde.</p>

Jackson, Ernest F. (1872–1945): Portrait of Alfred Orage, Bleistift und Aquarell auf Papier, Leeds Museums and Galleries (Leeds Art Gallery), Leeds (UK) und The New Age: A Weekly Review of Politics, Literature and Art war eine britische Wochenzeitschrift (1894–1938), die von 1907 to 1922 von Alfred Orage herausgegeben wurde.

Für Orage war Levy voll des Lobes. Er erschien ihm als ein „sehr liebenswürdiger und umgänglicher Mann: mehr Skeptiker als Dogmatiker, mehr Unparteiischer als Parteimensch, mehr Opportunist als Jusquauboutist. Im ganzen genommen war er, wie die meisten Redakteure, wohl novarum rerum cupidus, aber keineswegs gewillt, sich auf irgend eine der bei ihm veröffentlichten Lehren festzulegen: er hatte an ihnen gewissermassen nur ein ästhetisches Gefallen und freute sich, wenn die verschiedensten Weltanschauungs-Köter in seiner Zeitschrifts-Arena sich tüchtig herumbissen.“16

Mit seinem eigenen Pendant in der Neuen Welt war Levy ebenfalls gut befreundet: Henry Louis Mencken (1880–1956), einer der bedeutendsten US-amerikanischen Journalisten jener Epoche, galt in den Vereinigten Staaten als derjenige, der „undoubtedly has done more than any other writer in this country to spread Nietzsche’s gospel“.17 [Abb. 06] Genau wie Levy war auch er kein systematischer Denker, sondern ein sprachmächtiger Schreiber mit einer unbändigen Lust an der Provokation. In Fragen der Zivilisationskritik war der Bürgerschreck Mencken mit Levy ebenfalls ganz einer Meinung: „Der demokratische Mensch, der von Utopien träumt, ist immer die Beute von Schlagworten […]. Sie sind voll tugendhafter Vorspiegelungen, und sie sind der reinste Schwindel.“18 Im Zusammenhang mit einer Neuauflage seiner Schriften wird Mencken heute warnend avisiert als eine „Stimme unter lauter Stimmchen, häufig blutdrucksteigernd, manchmal adstringierend, oft die Nerven reizend, meist aber mit der Entladungs- und Entlastungswirkung eines Sommergewitters“.19

<p>Porträtfotografie von Henry Louis Mencken, Fotograf unbekannt, vermutlich vor 1923.</p>

Porträtfotografie von Henry Louis Mencken, Fotograf unbekannt, vermutlich vor 1923.

Wie Levy die Philosophie Nietzsches über zwei Weltkriege hinweg verteidigte, lesen Sie im zweiten Teil des Beitrags, der im Juli folgt.

Quellen & Nachweise:

[1] Vgl. Leila Kais: Ein ach so guter Europäer: Thomas Common und seine Nietzsche-Zeitschrift Notes for Good Europeans. In: Volker Gerhardt, Renate Reschke (Hg.): Nietzsche und Europa – Nietzsche in Europa. Berlin 2007, S. 79–89.

[2] Oscar Levy: Editorial Note. In: Friedrich Nietzsche: The Complete Works of Friedrich Nietzsche. First Complete and Authorised English Translation in Eighteen Volumes. Edited by Dr. Oscar Levy. London, Edinburgh 1909–1913. Bd. IV (Thoughts out of Season. Part I), S. vii–ix, hier S. vii.

[3] Oscar Levy an Emil Levy; Brief vom 21. Dezember 1912 im Oscar-Levy-Archiv (Klassik Stiftung Weimar).

[4] „What a country“, klagte Levy, „where they do not hang philosophers properly—which would be the proper thing to do to them—but smile at them, drink tea with them, discuss with them, and ask them to contribute to their newspapers!“ Oscar Levy: Nietzsche in England: An Introductory Essay by the Editor. In: Friedrich Nietzsche: The Complete Works of Friedrich Nietzsche (Anm. 2). Bd. IV, S. xiii.

[5] Leon Kellner: Nietzsche und die Engländer. In: Neue Freie Presse, 5. Juni 1921, S. 31.

[6] Norman Douglas: Experiments. London 1925, S. 133–161.

[7] Ebd., S. 139.

[8] Friedrich Nietzsche: Sämtliche Werke. Kritische Studienausgabe in 15 Bänden. Hg. v. Giorgio Colli u. Mazzino Montinari. München 1999 [im Folgenden: KSA]. Bd. 8: Nachgelassene Fragmente 1875–1879, S. 348.

[9] Norman Douglas: Experiments (Anm. 6), S. 160f.

[10 Steffen Dietzsch, Leila Kais (Hg.): Oscar Levy. Nietzsche verstehen. Essays aus dem Exil 1913–1937. Berlin 2005, S. 227. Ursprünglich erschienen als: Defensor Fidei [alias Oscar Levy]: Von Nietzsche zu Nazi. In: Das Neue Tage-Buch 4 (1936), H. 6 (8. Februar 1936), S. 135–138.

[11] Friedrich Nietzsche: Die fröhliche Wissenschaft (KSA 3), S. 530.

[12] Vgl. Marita Knödgen: Die frühe politische Nietzsche-Rezeption in Großbritannien, 1895–1914. Eine Studie zur deutsch-britischen Kulturgeschichte. Trier 1997, S. 81.

[13] Norman Douglas: Experiments (Anm. 6), S. 160.

[14] Dan Stone: An ‚Entirely Tactless Nietzschean Jew‘. Oscar Levy’s Critique of Western Civilization. In: Journal of Contemporary History 36 (2001), S. 271–292, hier S. 273.

[15] Philip Mairet: A. R. Orage. A Memoir. With an Introduction by G. K. Chesterton. London 1936, S. 50.

[16] Oscar Levy: Mein Kampf um Nietzsche. In: Steffen Dietzsch, Leila Kais (Hg.): Oscar Levy: Nietzsche verstehen (Anm. 10), S. 51–136, hier S. 55.

[17] [Anon.:] Will Nietzsche come into Vogue in America? In: Current Literature. A Magazine of Record and Review 49 (1910), H. 1 (Juli 1910), S. 65. Mencken hat selbst zwei Bücher über Nietzsche veröffentlicht: Henry Louis Mencken: The Philosophy of Nietzsche. Boston 1908; ders.: The Gist of Nietzsche. Boston 1910.