Oscar Levy © Villa Luiseinquelle
Zwischen Europas geistigen Fronten
Le Nietzschéanisme, c’est moi (Teil II)
Zwischen Weltkriegen, wechselnden Zufluchtsorten und Ideologiekämpfen verteidigt Oscar Levy Friedrich Nietzsche gegen Vereinnahmung, Verzerrung und politische Instrumentalisierung. Während Europa im Nationalismus versinkt und Nietzsche zum geistigen Brandstifter des Krieges erklärt wird, kämpft Levy als staatenloser Jude gegen die Missdeutung des Philosophen.
In Teil I des Beitrags Le Nietzschéanisme, c’est moi wurde Oscar Levy vor allem als Vermittler Nietzsches und als intellektueller Nomade im Kreise seiner Lanzengenossen analysiert. Im Folgenden rückt nun seine eigene publizistische und ideologische Positionierung in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in den Mittelpunkt:
Henry Louis Mencken wurde, wie er selbst erzählte, während des Ersten Weltkriegs von der amerikanischen Polizei belästigt, weil ihn jemand als Freund „des deutschen Ungeheuers Nitsky“1 denunziert hatte. Oscar Levy ging es in Europas Inselstaat nicht anders. Am 18. August 1914 fand er in seinem Briefkasten eine Ausgabe des Scotsman, in der ein Artikel markiert war, in dem behauptet wurde, die heidnische, antichristliche Gesinnung Nietzsches, seine Verachtung aller landläufigen Moral, seine Predigt des Willens zur Macht und seine Verherrlichung des Übermenschen hätten den Deutschen den Kopf verdreht und sie zum Angriff auf Belgien und zur Veröffentlichung von vier Kriegserklärungen in einer Woche veranlasst. Am Rand hatte jemand von Hand vermerkt: „You have brought this poison to England.“2
Nietzsche! Nietzsche! I must read the fellow. In: The New Age (London) v. 29.10.1914, 623.
Es entzündete sich ein philosophischer Grabenkampf zwischen Deutschland und England, in dem die Deutschen bezichtigt wurden, sich die schlimmsten Passagen Nietzsches zu eigen gemacht zu haben.3 [Abb. 07] Man glaubte, Deutschland stilisiere sich als ein Volk von Übermenschen, das jenseits von Recht und Gesetz stehe. In der Londoner Geschäftsstraße Picadilly stellte ein Buchhändler die 18 Bände der Nietzsche-Ausgabe ins Schaufenster und schrieb darüber in großen Lettern: „The Euro-Nietzschean War. Read the Devil, in order to fight him the better.” Durch die Negativpropaganda wurde also immerhin der Verkauf der Nietzsche-Bände noch befördert. Von Oktober 1914 bis Juni 1916 wurden von sechs der 18 Bände insgesamt 11.766 Exemplare nachgedruckt.4 Levy war sich sicher: „The Nietzsche-boom is sure to last.“5
Follower of the Modern Attilla. Zeitungsausschnitt, vermutlich Großbritannien, ca. 1914/15.
Er hatte gleichwohl alle Mühe, die „absurd misconceptions regarding the essential philosophy of Friedrich Nietzsche“6 aufzuklären und durch Beiträge und Presseartikel deutlich zu machen, dass deutsche Politiker und Gelehrte durchaus nicht in nennenswertem Maße von Nietzsche beeinflusst waren.7 Er wusste, wie leicht Nietzsche zu missbrauchen war: „Nietzsches mutige Worte, sein ‚Seid hart, Freunde‘, sein ‚Immoralismus‘, sein ‚Wille zur Macht‘, seine ‚Philosophie mit dem Hammer‘ waren mühelos gegen ihn selbst zu richten und leicht verständlich für eine Öffentlichkeit, die keine Zeile von ihm gelesen hatte und falls doch, mit dieser Propaganda durchaus einverstanden gewesen wäre.“8 Nietzsche, so Levy, sei Europäer gewesen. Gerade seine antinationalistische Haltung sei die Ursache dafür, dass er im eigenen Land so geringgeschätzt werde. Er habe sich nicht um den Kampf Nation gegen Nation, sondern nur um den der Kultur gegen die Barbarei gekümmert. Und just den Deutschen habe er einen Mangel an Kultur vorgeworfen.
Friedrich Nietzsche, Fotografie von Friedrich Hermann Hartmann, Naumburg, 1882.
H.G. Wells, Arthur Conan Doyle und andere britische Literaten protestieren gegen Levys Abschiebung
Nach Kriegsende waren neun der insgesamt 18 Bände seiner Nietzsche-Edition komplett vergriffen. Danach wurde es in England still um Nietzsche. Doch im Jahr 1920 erhielt Levy Briefe aus England, Australien, Südafrika, Japan und den USA mit der Bitte, die fehlenden Bände nachdrucken zu lassen. Levy übertrug die Rechte für eine Neuauflage dem Verlag George Allen & Unwin, aber sie entstand erst vier Jahre später. Immerhin gab er im Jahr 1921 einen Band mit nachgelassenen Briefen9 Nietzsches heraus, die dessen Mitschuld am Ersten Weltkrieg nach dem ausdrücklichen Wunsch des Herausgebers widerlegen sollten.
Expelled. Zeitungsausschnitt, vermutlich The Jewish World, London, 1921.
Unmittelbar danach wurde ihm als einem vermeintlichen ‚former enemy alien‘ von den britischen Behörden ein Ausweisungsbeschluss vorgelegt, den er vorerst schlechterdings ignorierte. Als er deswegen vor Gericht kam, betonte Levy seine Staatenlosigkeit und gab die Angelegenheit kurzerhand an die Presse weiter, indem er zahlreiche Leserbriefe veröffentlichen ließ. Die englische Intellektuellenwelt reagierte prompt und protestierte gegen seine Abschiebung. Unter anderem erhoben H. G. Wells, Arthur Conan Doyle, Stanley Unwin, Lord Alfred Douglas, John Galsworthy und George Bernard Shaw ihre Stimme für ihn. Doch alles Zetern half nichts. Ende Oktober 1921 verließ Levy England, reiste zuerst nach Paris und später nach Wiesbaden, wo er sich vorerst niederließ.
Aber von seiner Sache ließ Levy nicht ab. Mit einer quixotischen Ausdauer ersann er immer neue Mittel und Wege, Europa mit Nietzsche zu konfrontieren. Im Sommer 1924 erwirkte er eine Audienz bei Benito Mussolini, der doch immerhin Nietzsches Schriften gelesen hatte und sich brüstete, ‚gefährlich zu leben‘. Für kurze Zeit wollte Levy nicht wahrhaben, dass der Duce eben nicht „der erste Staatsmann im Sinne Nietzsches“10 war. Noch vierzehn Jahre später warnte er Mussolini brieflich vor einer Entente mit dem deutschen Nationalsozialismus, aber er erhielt keine Antwort, und erwartete er denn noch eine? Er hatte längst begriffen, dass „[t]he whole affair was not very creditable to me. I ought to have suspected all movements of our day“.11
Oscar Levy mit einem Herrn (Heinrich Mann?) und einer Dame in einem Straßencafé. ©Villa Luisenquelle
Im Januar 1933 verließ Levy Deutschland endgültig und fuhr nach Frankreich, wo er eng mit den übrigen deutschen Exilliteraten am Mittelmeer verkehrte. Fast zeitgleich gründete Leopold Schwarzschild in Paris seine Exilzeitschrift Das Neue Tage-Buch, und Levy ließ sich keine Gelegenheit entgehen, Nietzsche darin unter dem lange Zeit nicht aufgelösten Pseudonym Defensor Fidei gegen den Vorwurf des Präfaschismus zu verteidigen. Seine Maxime lautete: „Also, Dantons Wort beherzigt, meine Herren Nietzsche-Kommentatoren aus Deutschland: ‚De l’audace, de l’audace et encore de l’audace‘.“12
Oscar Levy: The Idiocy of Idealism. London, Edinburgh, Glasgow (William Hodge and Company) 1940. Originalschutzumschlag mit Kreuz, Hammer und Sichel, Davidsstern und Hakenkreuz sowie Zitat von George Bernard Shaw in dessen Handschrift.
Von hier aus schrieb er auch sein Buch The Idiocy of Idealism,13 ein rasanter Ritt durch die Geschichte der religiösen und politischen Heilsverkünder und Revolutionäre, der belegen sollte: „Je heiliger der Mann, desto unheiliger seine Taten.“14 Für Levy lag es auf der Hand, dass die verordnete Tugend, die sich aus dem Unterstrom religiöser Ideen speiste, als Saatboden für die radikalen politischen Theologien der Moderne diente: Nationalismus, Bolschewismus, aber auch Zionismus und Demokratie. Sein Buch erschien erstmals 1940 in London, inmitten des drôle de guerre, als ein letzter Versuch, jene „felsenfesten Überzeugungen“15 des modernen Zeitalters zu sabotieren, die Europa wieder in die Schützengräben führten.
Adolf Hitler blickt auf die von Max Klinger geschaffene Nietzsche-Büste in der Villa Silberblick. ©Bayerische Staatsbibliothek. Adolf Hitler blickt auf die von Max Klinger geschaffene Nietzsche-Büste in der Villa Silberblick. ©Bayerische Staatsbibliothek
Um sich den Staub des Faschismus endgültig von den Füßen zu schütteln, verfasste der „entirely tactless Nietzschean Jew“,16 wie George Bernard Shaw ihn rühmte, dann einen ungenierten Offenen Brief an Adolf Hitler, in dem er den Adressaten nonchalant aus dem „Tempel Nietzsches“17 exkommunizierte. Daraufhin packte er im Frühsommer 1939 seine Koffer und kehrte ein für alle Mal nach England zurück, wo er allerdings ein Wiederaufflammen der Presseschlacht von 1914 bis 1918 gegen Nietzsche erleben musste, die er – 75-jährig – durch Artikel und Leserbriefe aufs Neue parierte. Vor allem dem Vorwurf, Nietzsche sei sich mit dem modernen Deutschland einig, dass das Judentum an jeder nur möglichen Misere Schuld trüge,18 begegnete Levy mit dem Einwand: „an attack upon the ancient Jewish values does not mean for him a pogrom upon the modern Jews.“19 Außerdem habe Nietzsche das Alte Testament immer noch dem Neuen vorgezogen, und darin pflichtete Levy ihm bei: „So do I—not, I trust, out of pride of race, which would only make me a Nazi.“20
Levy akzeptierte sowohl Nietzsches Anerkennung als auch seine Kritik am Judentum. Dass er selbst Jude war, spielte dabei kaum eine Rolle. Sein persönlicher Stolz bezog sich nicht auf seine religiöse Herkunft. Er sah sich in erster Linie als Individuum, als Exilant in jeder Beziehung. Jeder Rassenstolz galt ihm als faschistisch und offenbarte einen ‚Herdentrieb‘. Ebenso wenig schämte er sich jedoch ihrer, sondern ging selbstbewusst, kenntnisreich und kritisch mit der Wertekultur um, die sich mit ihr verband.
Caspar David Friedrich: Der Wanderer über dem Nebelmeer.
Da ist er wieder, der goût de l’espace, das Weitwerden, wie eine Landschaft, durch die der Wind fährt. Levy war ein Kulturemigrant, der im Gestus der entschlossenen Respektlosigkeit seine eigene Form geschaffen hatte und deshalb in keine fremde Form mehr passte: Er war ins Heimatlose gewachsen. Er hatte nicht um Heimatlosigkeit gebeten, aber er verhehlte sie auch nicht. Er streifte in Europa umher wie Zarathustra in der Stadt der verkleinernden Tugend: „Überall sehe ich niedrigere Thore“, sprach Zarathustra, „wer meiner Art ist, geht da wohl noch hindurch, aber—er muss sich bücken!“22
Quellen & Literaturnachweise:
[1] Vgl. Gertrud von Petzold: Nietzsche in englisch-amerikanischer Beurteilung bis zum Ausgang des Weltkrieges. In: Anglia 53, N. F. 41 (1929), S. 134–218, hier S. 191.
[2] Vgl. Oscar Levy: Nietzsche im Krieg. Eine Erinnerung und eine Warnung. In: Steffen Dietzsch, Leila Kais (Hg.): Oscar Levy. Nietzsche verstehen (Anm. 10), S. 39–50, hier S. 39. Ursprünglich erschienen in: Die weißen Blätter 6 (1919), H. 6, S. 277–284.
[3] Vgl. Oliver Lodge: The War and After: Short Chapters on Subjects of Serious Practical Import for the Average Citizen in A. D. 1915 Onwards. London 1915.
[4] Goethe- und Schiller-Archiv, Weimar (Nietzsche-Archiv), Signatur GSA 72/2379: Zweite Englische Gesamtausgabe von Nietzsches Werken, T. N. Foulis, Nietzsche Titles Reprinted since August 1914.
[5] Oscar Levy an William Heinemann; Brief vom 9. November 1914 im Oscar-Levy-Archiv (Klassik Stiftung Weimar).
[6] Oscar Levy: Nietzsche and this War. In: The New Age, 27. August 1914, S. 393.
[8] Oscar Levy: Nietzsche im Krieg (Anm. 21), S. 39.
[9] Oscar Levy: Die Exkommunizierung Adolf Hitlers. Ein offener Brief. In: Sinn und Form 59 (2007), H. 3, S. 348–362, hier S. 352f. Das Original des seinerzeit unveröffentlichten Briefes befindet sich im Oscar-Levy-Archiv (Klassik Stiftung Weimar): Oscar Levy: Excommunication of Adolf Hitler. An Open Letter. Paris, 21. Juni 1938.
[10] Oscar Levy (Hg.): Selected Letters of Friedrich Nietzsche. Translated by Anthony Mario Ludovici. London 1921.
[11] Oscar Levy: Die philosophischen Grundlagen des Faschismus. In: Der Morgen, 25. November 1924, S. 3f., hier S. 4.
[12]Oscar Levy: Myself in Pants. O La La! Unveröffentlichte, fragmentarische Autobiographie im Oscar-Levy-Archiv (Klassik Stiftung Weimar), hier Bl. 218.
[13 Oscar Levy: [Rez.] Alfred Bäumler (Hg.): Nietzsche in seinen Briefen und Berichten der Zeitgenossen, Leipzig 1932. In: Die Literatur 35 (1932–1933), H. 10 (1.10.1932), S. 51.
[14] Oscar Levy: The Idiocy of Idealism. London, Edinburgh, Glasgow 1940. Deutschsprachige Ausgabe: Oscar Levy: Gesammelte Schriften und Briefe. Hg. v. Steffen Dietzsch. Berlin 2005ff. Bd. 4: Der Idealismus – ein Wahn (1940). Hg. v. Leila Kais. Berlin 2006.
[15] Ebd., S. 75.
[16] Friedrich Nietzsche: Nachgelassene Fragmente (KSA 13), S. 345.
[17] Siehe den Schutzumschlag von Oscar Levy: The Idiocy of Idealism (Anm. 32).
[18] Oscar Levy: Die Exkommunizierung Adolf Hitlers (Anm. 27), S. 359.
[19] Vgl. Ronald Anderson (College Historical Society, Trinity College, Dublin): Nietzsche and the Nazis. In: Church Times, 27. Dezember 1940, S. 817.
[20] Oscar Levy: Nietzsche and Nazism. In: Jewish Chronicle, 10. November 1939, S. 9.
[21]Oscar Levy: Nietzsche. His Attitude to Democracy and Christianity. In: Yorkshire Post, 20. November 1939, S. 2.
[22] Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra (KSA 4), S. 211f.
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