<p>Besucher*innen im vollbesetzten Bücherkubus © Klassik Stiftung Weimar</p>

Besucher*innen im vollbesetzten Bücherkubus © Klassik Stiftung Weimar

Öffentlich machen!

Das ABC der Herzogin Anna Amalia Bibliothek

Art: ArtikelAutor*in: Reinhard Laube
19.03.2026 6

Die Herzogin Anna Amalia Bibliothek ist öffentlich. Sie braucht und formt ihre Öffentlichkeiten mit ihren gesammelten Publikationen, Medien, Objekten, Räumen und Nutzungsszenarien. Bedeutung, Resilienz und Strahlkraft der Bibliothek sind ablesbar an der Fähigkeit, Umbrüche produktiv zu verarbeiten und sich als öffentliche Einrichtung im Bewusstsein ihrer Geschichte und Funktion jeweils auf der Höhe der Zeit neu zu beschreiben.

Aufgabe ist, ein ABC der Bibliothek im Umbruch zu schaffen. Zu den Umbrüchen zählen in Weimar allein in den vergangenen 35 Jahren die Umbenennung der Bibliothek im Jahr 1991 nach der Herzogin Anna Amalia, ein neues Phänomen wie Aschebücher nach dem verheerenden Brand im Jahr 2004, die kontinuierliche Entwicklung von Katalogen, innovative KI-Anwendungen, die Archivierung von Zettelkästen und immer neu ermittelte Zielgruppen. Das ist ein Ausschnitt der Arbeit an und mit Begriffen für eine öffentliche Praxis der Bibliothek oder – mit Goethes Dämon formuliert – „geprägte Form, die lebend sich entwickelt“.

Das Gegenmodell: der geschlossene Bibliotheksturm mit Türhüter

In den Wahnvorstellungen eines Bibliothekars entwickelt Literaturnobelpreisträger László Krasznahorkai 2018 ein Gegenmodell. Kleinstarbeit für einen Palast heißt die Erzählung des ungarischen Autors, die Heike Flemming 2023 ins Deutsche übersetzte. Der innere Monolog eines Bibliothekars, der in einer der berühmtesten Bibliotheken und Institutionen der offenen Gesellschaft arbeitet, der New York Public Library, ist eine Reaktion auf Umbrüche. Die Architektur New Yorks und die irritirenden Ansprüche der lesenden Öffentlichkeit erscheinen ihm als aufdringlich, denn „die Leser sind alle gleich, sie stören, halten uns auf und hindern uns daran, wirklich Bibliothekare zu sein“. Die Rede von einer öffentlichen Bibliothek habe den „Begriff der Bibliothek“ verraten und seinen „Sinn zu einem einfachen Laden, einer Ausleihe degradiert“. Aber Bibliothekare seien „keine Lakaien“, die wie Diener den Lesern Bücher heraussuchen und ausleihen. Vielmehr sind sie idealerweise „Türhüter“, aufgefordert, groß zu denken, und zwar an „Türme mit Büchern, wobei das ‚Turm‘ genauso wichtig ist wie das ‚Bücher‘, Türme also, die immer geschlossen sein müssten“. Alles in einen Turm, Brücke hoch, Tür zu. Das ist also der „Große Gedanke“, „ein Unangefochtenes Paradies des Wissens“, das nur auf sich selbst bezogen bleibt: „GESCHLOSSEN, auf ewig, Bücher, ungestört und ungelesen, o heiliger Himmel, wie schön es ist, auch nur daran zu denken“ – an eine Bibliothek ohne Leser.

Für seinen Wahnsinn zahlt der Bibliothekar in dieser Erzählung allerdings einen hohen Preis: soziale Isolation, Verlust familiärer Bindungen und schließlich die Einweisung in eine Klinik. Der asoziale Rückzug lässt umso schärfer hervortreten: Bibliotheken brauchen institutionelle Strukturen, Praktiken und Funktionszuweisungen, die auf Öffentlichkeit und Öffnung zielen.

Geöffnet: ein Schloss für eine Bibliothek und ihre Öffentlichkeit

Mit dem Bezug des Grünen Schlosses im Jahr 1766 erhält die heutige Herzogin Anna Amalia Bibliothek eine neue Form ihrer Öffentlichkeit, Eigenständigkeit und Sichtbarkeit – offen für künftige Umbrüche. Ein großer Saal wird zum Herzstück des Gebäudes: ein Festsaal des Buches im Stile der Zeit. Die luftige Architektur mit goldglänzenden Regalen bietet nicht nur Platz zur ordnenden Aufbewahrung und Präsentation. Mit einem raumprägenden ovalen Regalsystem in der Mitte, flammenden Balusterbrettern der Galerien, mit Licht, Rocailles und floraler Motivik erhält der Raum im Stil des Rokoko eine schwingende Dynamik.

Der Saal repräsentiert das Herzogtum und macht die Bibliothek als eine gesellschaftliche und kulturelle Einrichtung des Fürstentums anschaulich, die zugleich geschmacksbildend wirkt. Eine Beschreibung sehenswürdiger Bibliotheken Teutschlands, herausgegeben von F. K. G. Hirsching, Bd. 4, hält 1791 fest: „Eine der vornehmsten Zierden von Weimar, ist die herzogliche öffentliche Bibliothek, die unter Deutschlands Bibliotheken einen vorzüglichen Rang behauptet.“ Was dem Betrachter beim Betreten des zentralen Bibliothekssaals „so glänzend in die Augen fällt“, sind die „Bildnisse der alten Herzoge und Churfürsten von Sachsen und anderer königlichen und fürstlichen Personen“ wie auch „Büsten jetztlebender Gelehrten“. Mit dem Umzug in diesen neu hergerichteten Raum wird auch die Katalogarbeit intensiviert. Sie ordnet und gestaltet das Wissen der Sammlungen und macht es für die Öffentlichkeit benutzbar.

Das ABC der Neubeschreibungen und die Sicherung von Future Memory

Das ABC der Bibliothek ist die Klärung von Fragen ihrer effektiven Nutzung und die Entwicklung und Beschreibung ihrer Öffentlichkeit. Die alphabetische Ordnung des Wissens, die sich in den gedruckten Enzyklopädien des 18. Jahrhunderts durchsetzt, bedeutet Enthierarchisierung und Demokratisierung des Wissens durch einen pragmatischen und öffentlich verfügbaren Zugriff. Mit der Auflösung tradierter Systematiken wird Wissenszuwachs erwartet und mechanisch eingeordnet. Alphabetische Enzyklopädien zehren aber auch von der Vorstellung einer Repräsentation des Weltwissens von A bis Z, Alpha bis Omega. Sie streifen die Idee des göttlichen Anspruchs des Allwissens, der heute noch mit dem Namen von Googles Holding „Alphabet“ aufgerufen wird, auch wenn hier nicht mehr alphabetisch, sondern algorithmisch Wissen generiert, sortiert und vermarktet wird.

Demgegenüber erinnert das ABC der Bibliothek daran, dass Vollständigkeit in der Wissensverfügbarkeit nicht das Ziel sein kann, wohl aber die begriffliche Erfassung der Wirklichkeit und die Priorisierung von Themen. Die Bibliothek ist eine kulturelle Institution und Form, die ihre Sammlungen, Beschreibungen, Ordnungen und Öffentlichkeiten in ihrer Funktion selbst hervorbringt und aktualisiert.

Besonders anschaulich wird dies in Zeiten des Umbruchs, wenn Räume wie der Hauptsaal der Herzoglichen Bibliothek als Theaterkulisse fungieren, um Perspektiven der Gegenwart aufzugreifen und zu gestalten. Kunst, Literatur und Wissenschaften sichern hier das Nachleben als Future Memory. Christoph Martin Wieland bringt diese Vorstellung 1812 in der Weimarer Loge Anna Amalia mit seiner Rede „Ueber das Fortleben im Andenken der Nachwelt“ auf den Begriff. Das zivilisierte Fortleben erfolgt nicht mehr „in einem unterirdischen Todten reiche oder ausserirdischen Lande der Seelen“, auch nicht in der „Stadt Gottes“. Stattdessen gibt es „eine andere Art von Leben nach dem Tode“ – so Wieland –, „die in gewissem Sinne von uns selber abhängt, und, anstatt allen unseren Verhältnissen mit den Lebenden auf einmal ein Ende zu machen, uns vielmehr in einer höchst angenehmen Verbindung mit ihnen erhält; ich meine, das Fortleben im Angedenken der Nachwelt“. Andenken und Erinnerung im Zeichen der Gestaltungen der Gegenwart und mit Blick auf die Werke und Sammlungen, die eine Bibliothek zum vorzüglichen Ort der Repräsentation und der Sicherung des „Nachlebens“ machen.

Weimarer Klassik und das Wissen des Krieges

Im Bibliothekssaal der Herzogin Anna Amalia Bibliothek stehen nicht nur Druckwerke, die auf dem Titelblatt mit Denkmälern, Büsten oder Kenotaph versehen sind, sondern Porträtbüsten in programmatischer Absicht. Im Mittelpunkt steht seit 1805 Herzog Carl August mit seinem lebensgroßen Porträt. Er setzte den Rahmen für die fortwährende Suche nach neuen symbolischen Ordnungen. Mit dem Einzug seiner privaten Militärbibliothek in den angrenzenden Wehrturm 1825 wird nicht nur begrifflich das Militärische als Thema der Sammlung und der kriegerischen Wirklichkeit gesetzt. Mit Herzog Wilhelm IV. und dessen Bruder Bernhard flankieren zu dieser Zeit zwei Feldherren des Dreißigjährigen Krieges im Weimarer Bibliothekssaal das Porträt von Carl August. Das Arkanum der Militärbibliothek wird durch Anbindung an das Gebäudeensemble öffentlich zugänglich gemacht, erhält eine fachbibliothekarische Leitung und Öffnungszeiten. Heute ist sie auch für Weimar-Besucher im Rahmen des konservatorisch Vertretbaren zugänglich.

Formen der Öffentlichkeit

Was für das Militärische gilt, bestimmt grundsätzlich den Umgang mit der kulturellen Überlieferung. Formen der Öffentlichkeit programmieren die Arbeit der Bibliothek. Auf einem Campus – in einem modernen Bücherkubus sowie neuen öffentlichen Bereichen und Bibliotheksangeboten – stellt sie Räume, Sammlungen und Daten für den zivilisierenden Austausch von Perspektiven, für Forschung, Wissenstransfer und die Gestaltung der kulturellen Überlieferung zur Verfügung. Das ABC der Bibliothek bleibt damit eine offene Werkstatt ihrer öffentlichen Begriffsarbeit.

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