<p>Restaurierungsarbeiten im Speisezimmer des Weimarer Stadtschlosses © Marcus Schwier</p>

Restaurierungsarbeiten im Speisezimmer des Weimarer Stadtschlosses © Marcus Schwier

Restaurierung im Weimarer Stadtschloss

Wie macht man die Biografie einer UNESCO-Welterbestätte sichtbar?

Art: ArtikelAutor*in: Birgit Busch
16.07.2026 4

Als 1774 das Weimarer Stadtschloss brannte, wurden große Teile schwer beschädigt. Herzog Carl August entschied sich dennoch für den Wiederaufbau – ein Projekt von politischer und kultureller Tragweite. Eine Baukommission unter Beteiligung Johann Wolfgang von Goethes übernahm die Leitung. Mehrere bedeutende Architekten prägten das Vorhaben, darunter Johann August Arens, Heinrich Gentz und besonders Nikolaus Friedrich Thouret. Zwischen 1790 und 1800 entwarf Letzterer zahlreiche Innenräume; seine Zeichnungen sind bis heute in den Graphischen Sammlungen der Klassik Stiftung Weimar überliefert. Doch die Räume blieben nie unverändert. Im 19. Jahrhundert wurden sie immer wieder modernisiert, anderweitig genutzt und durch technische Einbauten wie Ofeneinsätze in den Kaminen oder Toiletten in den Nebenräumen ergänzt. Spätestens im 20. Jahrhundert verschränkten sich museale Nutzung und Bauunterhaltung dauerhaft. Gerade deshalb stellt sich bei der heutigen Instandsetzung des Ostflügels eine zentrale Frage: Wie lässt sich historische Raumkunst bewahren, ohne sie in ein verfälschendes, zu ‚perfektes‘ Bild zu verwandeln? Die seit 2013 laufende bauliche Sanierung muss aktuellen Anforderungen und Standards genügen – etwa hinsichtlich des Brandschutzes, der Sicherheitstechnik und der Gebäudestatik – und zugleich die historische Substanz schützen. Für die Restaurierung des Stadtschlosses wurde deshalb ein grundlegendes Prinzip formuliert: Ziel ist nicht die Rekonstruktion eines Idealzustands um 1800, sondern die Präsentation eines gealterten, aber gepflegten Bestands, dessen Veränderungen ablesbar bleiben. Überformungen, Reparaturen und spätere Eingriffe werden nicht grundsätzlich ‚wegrestauriert‘, weil sie zur Biografie des Schlosses gehören. Wie komplex diese Haltung in der Praxis ist, zeigt ein Raum besonders eindrücklich: das Speisezimmer.

Fallgeschichte Speisezimmer: Glanz um 1800 – und die Schatten darunter

Das sogenannte Speisezimmer zählt zu den repräsentativen Räumen der Beletage im Ostflügel und blieb in seiner klassizistischen Gestalt vergleichsweise ungestört erhalten. Ab 1799 wurde es nach Nikolaus Friedrich Thourets Entwürfen realisiert; die künstlerische Leitung lag bei Heinrich Meyer. Den Raum prägen die zwei großformatigen Leinwandgemälde Lot und seine Töchter sowie Der treue Hirte, beides Kopien nach dem italienischen Maler und Freskanten Guercino, auch bekannt als Giovanni Francesco Barbieri. Schon in den 2000er-Jahren zeigten Untersuchungen Schäden an Deckenmalerei und Konstruktion. Die Ursache lag nicht in der Fassung selbst, sondern in der Bausubstanz: Ein Badeinbau von 1914 im darüberliegenden Raum hatte die Holzkonstruktion geschädigt. Um die Decke zu sichern, wurde sie vonunten abgestützt – ein Glücksfall, denn so konnte sie vollständig erhalten werden. Die Sicherungsmaßnahmen hatten jedoch Nebenfolgen: Besonders in den leimgebundenen Rahmungen traten Verluste auf. Die Decken- und Wandmalereien sind insgesamt gut erhalten, doch der Raum trägt Spuren wiederholter ‚Auffrischungen‘. Übermalungen und Ausbesserungen folgten meist dem jeweils verschmutzten Zustand – dadurch verdunkelten sich die Oberflächen im Laufe der Zeit Schritt für Schritt. Restauratorische Untersuchungen im Jahr 2022 bestätigten einen typischen Konflikt in der Restaurierung: Viele dieser späteren Fassungen haben sich so eng mit den älteren Schichten verbunden, dass eine Abnahme das darunterliegende Original ebenso entfernenwürde. Gerade bei leim- oder temperagebundenen Farben sind die Grenzen zwischen den Schichten oft nicht mehr trennbar. Die Konsequenz ist, den Zustand als gewachsene Schichtung zu bewahren, statt eine vermeintlich ‚ursprüngliche‘ Oberfläche zu erzwingen.

<p>Schwammmyzel unter dem Parkett © Klassik Stiftung Weimar</p>

Schwammmyzel unter dem Parkett © Klassik Stiftung Weimar

Dramatisch wurde die Lage, als erneut Echter Hausschwamm festgestellt wurde – in der Wandkonstruktion und unter dem Parkett. Befallene Bauteile mussten entfernt werden, obwohl sie sich unter hochwertigen historischen Oberflächen befanden. Betroffen war unter anderem die Vorwandkonstruktion aus Fachwerk, die beim Wiederaufbau ab 1790 genutzt wurde, um die Brandruine zu begradigen. Teile dieser Hölzer, die Anschlüsse im Boden sowie die angrenzenden Bereiche bis hinauf in die darüberliegenden Räume waren vom Schwamm befallen.

Die Konsequenzen waren tiefgreifend: Historische Putze einschließlich Stuck und Bemalung wurden abgenommen, gereinigt und konservatorisch behandelt, Unterkonstruktionen ersetzt und anschließend die abgenommenen Flächen wieder befestigt. Das Parkett wurde sorgfältig ausgebaut und restauriert. Dort, wo Ersatz nötig war, bleiben neue Täfelchen bewusst als solche erkennbar. Denn auch hier gilt, dass nicht Perfektion das Ziel ist, sondern ein ehrlicher, stabiler Zustand, der Geschichte nicht kaschiert, sondern lesbar hält.

Im Speisezimmer zeigt sich, was Restaurierung im Stadtschloss heute leisten muss. Sie schützt Substanz, respektiert historische Schichtungen und macht Eingriffe nachvollziehbar – ohne Illusion eines ‚Neuzustands‘. Die beiden großformatigen Gemälde von Guercino sind bereits restauriert und warten im Depot auf ihren Wiedereinbau. Auch Kronleuchter und vergoldete Bronzeleuchter – teils aus der Zeit um 1800 – wurden restauriert und technisch ertüchtigt. Bei der Wiedereröffnung wird einer dieser Kristallkronleuchter den Raum erneut erstrahlen lassen, ohne dass seine Spuren getilgt wurden.

Künftig bleiben die Räume der Beletage Schauräume – ergänzt durch eine neue Ausstellung, die stärker die Geschichte von Nutzung, Umbau und Veränderung vermittelt. Das Speisezimmer wird dabei mehr sein als ein schöner Raum: ein Lehrstück darüber, wie sich Kultur bewahren lässt, ohne sie zu glätten.

Was ist Echter Hausschwamm?

Echter Hausschwamm (Serpula lacrymans) ist ein Holz zerstörender Pilz, der sich in feuchten, schlecht belüfteten Bereichen ausbreiten kann. Er zersetzt Holzbauteile, schwächt Konstruktionen und kann sich über Mauerwerk sogar in entfernte Bauteile ‚vorarbeiten‘. Bekämpfung bedeutet meist: befallenes Holz bis weit in das ‚gesunde‘ Holz hinein entfernen, angrenzende Bereiche reinigen und behandeln – und vor allem die Feuchteursache dauerhaft beheben.

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