Weimars vergessener Star
Geachtet, gefeiert und von Nietzsche geadelt
Seine Stücke waren beliebter als die von Goethe und Shakespeare. Auch Nietzsche zeigte sich vom Theaterwerk August von Koetzbues begeistert. Am 3. Mai jährt sich der Geburtstag des Dramatikers zum 265. Mal.
August von Kotzebue (1761–1819) war ein echtes Kind Weimars, aufgewachsen in einem von geistigem Leben durchdrungenen Umfeld. Seine Familie, eng mit dem Hof der Herzogin Anna Amalia verbunden, lebte im Gelben Schloss. Wo heute die Leselounge des Studienzentrums der HAAB ihre Gäste empfängt, wohnten einst die Hofbediensteten; hier kam er am 3. Mai 1761 als drittes Kind des Geheimsekretärs der Herzogin, Christian Carl Levin Kotzebue, und seiner Frau Anna Christine (geb. Krüger) zur Welt. Als Schüler des Weimarer Wilhelm-Ernst-Gymnasiums (heute: Herderplatz) unternahm Kotzebue seine ersten literarischen Versuche, die von seinem Onkel, dem brillanten Schriftsteller Johann Karl August Musäus, gefördert wurden.
Mit 14 Jahren erlebte er die Ankunft des 26-jährigen Goethe in Weimar. Gemeinsam mit seiner Schwester Amalia wirkte er zudem in Aufführungen des Liebhabertheaters mit. Kotzebue war 14 Jahre alt, als der 26-jährige Goethe nach Weimar kam. Im Alter von 21 Jahren verließ August seine Vaterstadt und begann in der großen Welt seine beispiellose Karriere: als gefeierter Dramatiker, Theaterleiter internationaler Bühnen, Publizist und Herausgeber mehrerer Zeitschriften, die unter anderem in St. Petersburg, Tallinn, Berlin und Weimar erschienen.
„Kotzebue-mania“ in England
August von Kotzebue (1761–1819) war ein echtes Kind Weimars, aufgewachsen in einem von geistigem Leben durchdrungenen Umfeld. Seine Familie, eng mit dem Hof der Herzogin Anna Amalia verbunden, lebte im Gelben Schloss. Wo heute die Leselounge des Studienzentrums der HAAB ihre Gäste empfängt, wohnten einst die Hofbediensteten; hier kam er am 3. Mai 1761 als drittes Kind des Geheimsekretärs der Herzogin, Christian Carl Levin Kotzebue, und seiner Frau Anna Christine (geb. Krüger) zur Welt. Als Schüler des Weimarer Wilhelm-Ernst-Gymnasiums (heute: Herderplatz) unternahm Kotzebue seine ersten literarischen Versuche, die von seinem Onkel, dem brillanten Schriftsteller Johann Karl August Musäus, gefördert wurden. Mit 14 Jahren erlebte er die Ankunft des 26-jährigen Goethe in Weimar. Gemeinsam mit seiner Schwester Amalia wirkte er zudem in Aufführungen des Liebhabertheaters mit. Kotzebue war 14 Jahre alt, als der 26-jährige Goethe nach Weimar kam. Im Alter von 21 Jahren verließ August seine Vaterstadt und begann in der großen Welt seine beispiellose Karriere: als gefeierter Dramatiker, Theaterleiter internationaler Bühnen, Publizist und Herausgeber mehrerer Zeitschriften, die unter anderem in St. Petersburg, Tallinn, Berlin und Weimar erschienen.
Zur gleichen Zeit verdankten die Theaterbühnen der Neuen Welt dem Erfolg von Kotzebues Produktionen ihren Aufstieg und die Etablierung der amerikanischen Theater- und Unterhaltungskultur. Im Zentrum der ersten großen Saison des Park Theatre in New York 1798 stand das Ehebruchsdrama „Menschenhaß und Reue“ unter dem Titel „The Stranger“, das entgegen der damaligen Theaterkonventionen nicht mit dem Tod der Ehebrecherin Eulalia, sondern mit einem Happy End und der glücklichen Zusammenführung der Familie endete. Gegen Mitte des 19. Jahrhunderts waren es die schwimmenden Bühnen der Showboats und Schaufelraddampfer, die aus dem reichen Repertoire von Kotzebues Theaterstücken schöpfen konnten, um die Theaterunterhaltung in die Weiten des nordamerikanischen Mittleren Westen zu transportieren.
Stücke zwischen Lachen und Selbstentlarvung
Kotzebues Stücke prägten den Theaterbetrieb seiner Geburtsstadt Weimar nachhaltig. Während Goethes Direktion waren sie mit großem Abstand die meistgespielten – noch vor Goethe selbst, vor Schiller und sogar vor Shakespeare. Rund 450 Aufführungen fanden allein in Weimar statt; einschließlich der Gastspiele in Erfurt, Leipzig und Rudolstadt summiert sich dies auf knapp 670 Vorstellungen. Ein Schlüssel zu diesem Erfolg lag in Stücken wie der Komödie „Der Wirrwarr“ oder auch „Die deutschen Kleinstädter“: Mit feiner Ironie und einem sicheren Gespür für soziale Typen zeichnet Kotzebue hier das Bild einer selbstzufriedenen, von Konventionen bestimmten Provinzgesellschaft. Gerade weil das Publikum sich in diesen Figuren wiedererkannte, entfaltete das Stück seine Wirkung – zwischen Lachen und leiser Selbstentlarvung. Kotzebues Dramen füllten die Theater seiner Zeit, selbst wenn sie oft nur mit einfachster Ausstattung auf die Bühne gebracht wurden.
Doch das Bild, das die deutsche Literaturgeschichtsschreibung später von August Kotzebue zeichnete, war ein anderes: Kotzebue wurde zunehmend als Antipode Goethes stilisiert. Diese kulturelle Engführung, die Goethe auf den Sockel eines nationalen Mythos hob, führte dazu, dass Kotzebue – trotz seines durchschlagenden Erfolgs – lange ein Schattendasein in der deutschen Erinnerungskultur fristete. Der gewaltsame Tod am 23. März 1819, der als eines der ersten politischen Attentate in den deutschen Ländern gilt, verschob den Fokus weg vom beispiellosen Glanz der Weltliteratur hin zu den Untiefen der deutschnationalen Radikalisierung.
Nach seiner Ermordung boten Kotzebues internationale Erfolge auf dem Feld der literarischen Unterhaltung und insbesondere die Verbindung zum russischen Imperium Anlass, seine Person zu diffamieren. So wurde er zum Opfer einer Negativkanonisierung: in der nationalen Literaturgeschichte als unpatriotischer "Vielschreiber" verschrien und als "Trivialautor" in Deutschland verschmäht.
Karl Bauer: Friedrich Nietzsche, 1902
Nietzsche lobt den Draht zum Publikum
Einen erfrischend anderen Blick auf Kotzebue bot derweil Friedrich Nietzsche. Er bezeichnete August von Kotzebue als das „eigentliche Theatertalent der Deutschen“ und lobte die unverfälschte Verbindung zu seinem Publikum: In seinen Dramen spiegele sich das authentische Lebensgefühl der Zeitgenossen wider – gutmütig, sentimental, genussfreudig.
In Nietzsches Worten wird Kotzebue damit zu einem Prüfstein für die Echtheit kultureller Produktion. Während Goethe über die Deutschen „hinweg dichtete“ und Schiller lediglich die Jugend begeisterte, brachte Kotzebue das Theater in die Breite der Gesellschaft. Nietzsche erkannte darin keinen Makel, sondern ein Zeichen künstlerischer Wahrhaftigkeit – ein Gedanke, der die Diskussionen um Kultur und Öffentlichkeit bis heute herausfordert.
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